Kevin Kühnert über Steuergerechtigkeit und die Macht der Tech-Konzerne
Shownotes
Was passiert, wenn sehr große Vermögen anders besteuert werden als Arbeit? Und wie lässt sich politische Wirkung entfalten, wenn man nicht mehr im Parlament sitzt, Kevin Kühnert?
In dieser Episode von „Damit die Guten gewinnen“ spricht Thomas Mühlnickel mit Kevin Kühnert. Nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik arbeitet Kühnert bei Finanzwende. Dort setzt er sich für eine gerechtere Finanz- und Steuerpolitik ein – überparteilich und mit dem Ziel, politische Mehrheiten für konkrete Veränderungen zu gewinnen.
Im Gespräch geht es um Erbschaftsteuer und Vermögen, um den Zugang zur Politik und darum, wie sich politische Repräsentation verändern muss. Kühnert spricht außerdem über den Einfluss wirtschaftlicher, technologischer und publizistischer Macht auf die Demokratie – und darüber, wie wir trotz wachsender Gegensätze im Gespräch bleiben können.
Eine Folge über politische Wirkung jenseits des Parlaments, Steuergerechtigkeit und die Frage, wie viel Macht Geld haben sollte.
Hauptthemen der Episode:
- Finanzwende und politische Arbeit außerhalb des Parlaments
- Erbschaftsteuer: Sonderregeln für sehr große Betriebsvermögen
- Arbeit und Vermögen: Warum sie unterschiedlich besteuert werden
- Wer kann Politik machen – und wer bleibt außen vor?
- Politische Repräsentation und die Hürden auf dem Weg ins Parlament
- Wirtschaftliche, technologische und publizistische Macht
- Demokratie, gesellschaftliche Gegensätze und Gespräche im Alltag
- Künstliche Intelligenz und die Frage, was menschliche Kultur ausmacht
Wichtige Stellen der Episode:
- 0:00 Einstieg
- 0:45 Empathie und Menschlichkeit in der Politik
- 5:56 Vom Vereinsleben in die Politik
- 11:17 Wer darf Politik machen?
- 26:59 Öffentlich bleiben nach dem Rückzug aus der Politik
- 30:50 Finanzwende und überparteiliche Arbeit
- 38:00 Erbschaftsteuer und sehr große Vermögen
- 59:03 Überparteiliche Überzeugungsarbeit
- 1:00:59 Fünf spontane Satzergänzungen
- 1:08:38 Politische Blindstellen und verpasste Warnzeichen
- 1:15:37 Im Gespräch bleiben und Demokratie weiterdenken
- 1:18:23 Mut, Zukunft und menschliche Spuren
Was wir besprochen haben:
Politik nach dem Parlament: Wie Kevin Kühnert seine öffentliche Rolle nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik versteht und welche Grenzen er sich für Kommentare zu Parteien und politischen Personen setzt.
Finanzwende: Warum die Organisation überparteilich arbeitet und wie sie unterschiedliche politische Gruppen für ihre Anliegen erreichen will.
Erbschaftsteuer: Kühnert erläutert Sonderregelungen für Betriebsvermögen ab 26 Millionen Euro und ordnet die Debatte über die Besteuerung großer Vermögen ein.
Zugang zur Politik: Welche zeitlichen, beruflichen und sozialen Voraussetzungen eine politische Laufbahn erschweren können.
Demokratische Debatte: Warum Kühnert dafür plädiert, Gespräche im Alltag nicht abzubrechen und andere Perspektiven erst einmal nachzuvollziehen.
Macht und Demokratie: Wie wirtschaftlicher, technologischer und publizistischer Einfluss politische Debatten prägt.
Künstliche Intelligenz und Kultur: Warum Kühnert fragt, welche Spuren menschlicher Kreativität und persönlichen Ausdrucks in Zukunft sichtbar bleiben.
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Transkript anzeigen
00:00:00: Kevin Kühnert: Es geht nicht um den schieren Reichtum. Das ist dann oft das,
00:00:03: Kevin Kühnert: was in den Debatten hier so mit Neiddebatte geframed wird. Es geht nicht darum,
00:00:06: Kevin Kühnert: dass jemand einem nicht geheuer ist, einfach nur weil er viel Geld hat.
00:00:10: Kevin Kühnert: Das ist überhaupt nicht der Punkt.
00:00:12: Kevin Kühnert: Es geht um die Kombination aus ökonomischer Macht, viel Geld,
00:00:16: Kevin Kühnert: technologischer Macht, publizistischer, also Kommunikationsmacht.
00:00:22: Kevin Kühnert: Die Jungs, über die wir da reden, haben sich alle Medien in ihre Konglomerate,
00:00:27: Kevin Kühnert: mit reingeholt und resultierend aus den drei Sachen politische Macht.
00:00:31: Kevin Kühnert: Da wird ein trojanisches Pferd in unsere Demokratie reingeschoben und die Tech
00:00:36: Kevin Kühnert: Bros seilen sich jetzt gerade aus diesem trojanischen Pferd ab,
00:00:40: Kevin Kühnert: um die ganze Veranstaltung von innen kaputt zu machen.
00:00:44: Kevin Kühnert: Ich komme bis heute persönlich nicht darüber hinweg, wenn ich auf meine politische
00:00:51: Kevin Kühnert: Blindheit, was die ganzen Russland-Entwicklungen angeht, vor dem 24.
00:00:56: Kevin Kühnert: Februar 2022 zurückblickt.
00:01:00: Thomas Mühlnickel: Aber haben wir denn diese Entwicklung, dass Tech Bros, Leute wie Putin und so
00:01:05: Thomas Mühlnickel: weiter eigentlich diese Rechten wie nützliche Idioten, wie Marionetten für sich
00:01:11: Thomas Mühlnickel: benutzen mit ihren eigentlichen Zielen dahinter?
00:01:14: Thomas Mühlnickel: Haben wir das zu lange nicht verstanden, ignoriert, nicht sehen wollen?
00:01:32: Thomas Mühlnickel: Herzlich willkommen zu Damit die Guten Gewinn, dem Interview-Podcast von ASK.
00:01:36: Thomas Mühlnickel: Ich bin Thomas Mühlnigke und ich spreche hier mit Menschen, die mit ihrem Engagement
00:01:40: Thomas Mühlnickel: etwas Gutes für unsere Gesellschaft tun.
00:01:43: Thomas Mühlnickel: Auf meinen heutigen Gast habe ich mich sehr gefreut, weil wir es schon viele
00:01:45: Thomas Mühlnickel: Jahre kennen und wir es endlich mal wieder sprechen konnten.
00:01:48: Thomas Mühlnickel: Es ist kein geringerer als Kevin Kühnert.
00:01:51: Thomas Mühlnickel: Kevin war eins der größten Talente, einer der größten Shootingstars der deutschen
00:01:56: Thomas Mühlnickel: Politik in den vergangenen Jahren.
00:01:58: Thomas Mühlnickel: Dann zog er sich zurück und ist mittlerweile bei Finanzwende und kümmert sich
00:02:01: Thomas Mühlnickel: da um ein gerechtes Steuersystem für Deutschland.
00:02:04: Thomas Mühlnickel: Wir haben darüber gesprochen, wie sein Leben jetzt funktioniert ohne Politik,
00:02:08: Thomas Mühlnickel: wie er mittlerweile auf Politik blickt und wie er für ein gerechtes Steuersystem
00:02:12: Thomas Mühlnickel: in Deutschland arbeitet.
00:02:13: Thomas Mühlnickel: Jetzt geht's los. Viel Spaß mit der Folge. Kevin Kühnert, mein Gott,
00:02:17: Thomas Mühlnickel: wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?
00:02:19: Kevin Kühnert: Kriegen wir es rekonstruiert? Bisschen über zwei Jahre. Bisschen über zwei Jahre.
00:02:23: Thomas Mühlnickel: Ich glaube, in der Tat, seit du aus der ersten Politik raus bist,
00:02:25: Thomas Mühlnickel: haben wir so zwischendurch geschrieben. aber ich glaube, persönlich getroffen gar nicht mehr.
00:02:29: Kevin Kühnert: Nee, genau. Und raus bin ich jetzt einen Tick über zwei Jahre.
00:02:33: Kevin Kühnert: Insofern werden wir uns irgendwo im Sommer 2024 wahrscheinlich gesehen haben. Auf Partys.
00:02:37: Kevin Kühnert: Ja, beim Vorwärtssommerfest oder so.
00:02:39: Thomas Mühlnickel: Mit Sicherheit. Genau, damit haben wir auch schon erklärt, wir beide kennen
00:02:43: Thomas Mühlnickel: uns etwas länger. Wir haben auch schon Projekte zusammen gemacht.
00:02:47: Thomas Mühlnickel: Der Disclaimer ist erledigt. Kevin, sehr schön, dass du da bist. Freut mich sehr.
00:02:50: Kevin Kühnert: Ich darf dir für die Einladung.
00:02:51: Thomas Mühlnickel: Dass du uns etliche die Ehre gibst, mit mir gemeinsam eine Folge zu machen.
00:02:56: Thomas Mühlnickel: Gerne. Wer sind für dich die Guten?
00:03:01: Kevin Kühnert: Da man ja gut sehr unterschiedlich interpretieren kann, würde ich ein bisschen
00:03:04: Kevin Kühnert: rauszoomen und würde sagen, einen guten oder eine gute ohne Empathie kann ich
00:03:11: Kevin Kühnert: mir nicht vorstellen. Insofern wäre das mal meine Mindestbedingung.
00:03:14: Kevin Kühnert: Die Guten sind auf jeden Fall empathische Menschen.
00:03:19: Thomas Mühlnickel: Gibt es unempathische Arschlöcher?
00:03:24: Kevin Kühnert: Unempathische Arschlöcher gibt es ganz viele, ja. Das ist meistens deckungsgleich, würde ich sagen.
00:03:30: Thomas Mühlnickel: Gibt es empathische Arschlöcher?
00:03:34: Kevin Kühnert: In Abstufungen vielleicht. Man kann sich in jemand anderen hineinversetzen oder
00:03:40: Kevin Kühnert: etwas nachempfinden und dann trotzdem die bewusste Entscheidung treffen,
00:03:43: Kevin Kühnert: dass man verletzend auftritt,
00:03:47: Kevin Kühnert: dass man, weiß ich nicht, einfach sich selbst überhöht.
00:03:51: Kevin Kühnert: Das geht schon, aber ich glaube, es ist die deutlich seltenere Konstellation.
00:03:56: Thomas Mühlnickel: Hast du in deiner Zeit in der Politik echte Empathie erlebt,
00:04:02: Thomas Mühlnickel: die der Politik so oft abgesprochen wird eigentlich?
00:04:06: Kevin Kühnert: Ja, auf jeden Fall. Also ich bin auch von wenigen Vorurteilen über Politik so
00:04:12: Kevin Kühnert: irritiert immer gewesen, wie über dieses, es gibt keine Freundschaften in der
00:04:16: Kevin Kühnert: Politik und es ist eine Schlangengrube und alle gegen alle.
00:04:20: Kevin Kühnert: Ich glaube, wer sowas behauptet hat, hat immer ein bisschen zu viele Spielfilme
00:04:23: Kevin Kühnert: oder Serien geguckt, wo das natürlich dramaturgisch gerne so zugespitzt wird.
00:04:29: Kevin Kühnert: Klar, es gibt nach innen wie nach außen, wie in jedem Arbeitsbereich,
00:04:34: Kevin Kühnert: Konkurrenzverhältnisse.
00:04:35: Kevin Kühnert: Das ist nichts, was der Politik exklusiv ist, aber es gibt auch ganz viel persönliche
00:04:41: Kevin Kühnert: Nähe, Freundschaften und eben auch Empathie.
00:04:47: Kevin Kühnert: Nur das Umfeld macht es tatsächlich manchmal schwer, dem den ausreichenden Raum
00:04:50: Kevin Kühnert: zu geben. Also ich habe viele Leute in der Politik kennengelernt,
00:04:53: Kevin Kühnert: die sehr empathisch waren, aber darum wussten, dass ihr Arbeitsalltag ihnen
00:04:57: Kevin Kühnert: eigentlich zu wenig Zeit lässt, diese Seite auch wirken zu lassen.
00:05:03: Thomas Mühlnickel: Ich würde euch heute gerne ein Theaterstück im Theater im Palais in Berlin ans Herz legen.
00:05:08: Thomas Mühlnickel: Unser alter Freund Axel Pape, der bei mir auch schon zu Gast war,
00:05:11: Thomas Mühlnickel: führte im November und im Januar ein Stück vor, das man sich ansehen sollte.
00:05:17: Thomas Mühlnickel: Max und Martin in den frühen 30er Jahren erleben, wie das NS-Regime aufsteigt
00:05:22: Thomas Mühlnickel: in Deutschland und wie es für sie zur Gefahr wird und auch zur Chance wird und
00:05:26: Thomas Mühlnickel: wie die beiden damit hadern und strugglen.
00:05:29: Thomas Mühlnickel: Das Spannende was Axel da macht, ist neben dem Stück, das wirklich sehr berührend
00:05:32: Thomas Mühlnickel: ist, dass er auch mit dem Publikum anschließend noch diskutiert
00:05:36: Thomas Mühlnickel: und das Stück in die heutige Zeit überführt und mit ihm bespricht,
00:05:39: Thomas Mühlnickel: was heißt das eigentlich für uns heute und wie sollten wir mit den heutigen Zeiten umgehen.
00:05:45: Thomas Mühlnickel: Im Theater im Palais könnt ihr sehen Empfänger Unbekannt mit Axel Pape.
00:05:49: Thomas Mühlnickel: Ich wünsche euch viel Spaß dabei.
00:05:52: Thomas Mühlnickel: Das heißt, du willst all diesen Art Menschen, die uns hier zuhören und zu sehen,
00:05:55: Thomas Mühlnickel: jetzt gerade sagen, raus auf Katz
00:05:57: Thomas Mühlnickel: ist gar nicht so in Deutschland in der Politik, das gibt es gar nicht so?
00:06:00: Kevin Kühnert: Ich glaube, ich habe das vor vielen Jahren mal irgendwo in einem Interview gesagt,
00:06:03: Kevin Kühnert: deutsche Politik ist mehr Forsthaus-Falkenau oder so. Also es ist schon sehr,
00:06:08: Kevin Kühnert: es ist ja eher ein bisschen rustikaler einfach so vom ganzen Daherkommen her.
00:06:14: Kevin Kühnert: Ist ja grundsätzlich auch schön. Also da müssen wir nicht nur mit den USA vergleichen,
00:06:17: Kevin Kühnert: auch beispielsweise unsere westlichen Nachbarn in Frankreich.
00:06:20: Kevin Kühnert: Da ist es ja total üblich, dass die Politikerinnen und Politiker eigentlich
00:06:24: Kevin Kühnert: aller Richtungen sich von Elite-Unis rekrutieren. Und wenn du da nicht gewesen
00:06:29: Kevin Kühnert: bist, dann ist dir eigentlich der Weg fast schon versperrt.
00:06:31: Kevin Kühnert: Das ist schon sehr gut, dass das hier grundsätzlich anders läuft und daher auch
00:06:36: Kevin Kühnert: eine andere Diversität vorhanden ist.
00:06:39: Thomas Mühlnickel: Und der ganze Betrieb ist ja sehr viel profaner, als immer alle glauben.
00:06:42: Kevin Kühnert: Ja, tatsächlich. Also unter anderem deshalb habe ich damals dieses Experiment
00:06:47: Kevin Kühnert: mit dem NDR zusammen gemacht, dass die mich da drei Jahre mit der Kamera begleitet
00:06:51: Kevin Kühnert: und so eine Doku-Reihe daraus gemacht haben.
00:06:54: Kevin Kühnert: Und eine der häufigsten Rückmeldungen danach ist gewesen, dass Leute gesagt
00:06:58: Kevin Kühnert: haben, ich hätte gar nicht gedacht, wie langweilig diese Räume aussehen,
00:07:02: Kevin Kühnert: in denen sich Politik abspielt.
00:07:03: Kevin Kühnert: Diese Buche, Furniertische und Stühle, die überall rumstehen und diese glatten
00:07:10: Kevin Kühnert: weißen Schrankwände, hinter denen wahrscheinlich irgendwelche Akten und Leitsordner
00:07:15: Kevin Kühnert: rumstehen, das ist vielen aufgefallen.
00:07:18: Thomas Mühlnickel: Das stimmt. Es gibt auch diese pompösen, großen, geilen Räume.
00:07:23: Thomas Mühlnickel: Die Paläste, die gibt es eigentlich kaum ganz wenig.
00:07:28: Kevin Kühnert: Hat glaube ich auch ein bisschen mit deutscher Geschichte zu tun,
00:07:30: Kevin Kühnert: dass ja hier bewusst entschieden wurde, viele hoheitliche Dinge so ein bisschen runterzufahren.
00:07:37: Kevin Kühnert: Man hat ja auch nun mal kein Königshaus mehr. Also das Anhimmeln und Anbeten
00:07:43: Kevin Kühnert: von irgendwelchen Leuten, das ist uns, glaube ich, aus guten Gründen suspekt geworden.
00:07:48: Thomas Mühlnickel: Selbst das Kanzlerbüro ist ja relativ...
00:07:51: Thomas Mühlnickel: Langweilig. Groß, aber langweilig. Hat einen schönen Ausblick.
00:07:53: Kevin Kühnert: Ja, genau. Nun bot ja der Regierungsumzug in den 90ern nach Berlin auch die
00:07:57: Kevin Kühnert: Möglichkeit, sich nochmal neue Orte des Regierens zu schaffen.
00:07:59: Kevin Kühnert: Und man hat sich ja bewusst für einen Neubau entschieden und nicht dafür,
00:08:03: Kevin Kühnert: irgendwas Altes einzuziehen. Und ich glaube, es ist eine gute Entscheidung gewesen.
00:08:07: Thomas Mühlnickel: Ich habe neulich den besten politischen Raum gesehen. Das muss gerade erzählen.
00:08:09: Thomas Mühlnickel: Das fällt mir jetzt gerade wieder ein.
00:08:10: Kevin Kühnert: Bin ich gespannt.
00:08:12: Thomas Mühlnickel: Die Landtagspräsidentin von Niedersachsen, Hannah Naber, hat mir neulich eine
00:08:15: Thomas Mühlnickel: persönliche Führung durch den Landtag gegeben. Das war sehr nett.
00:08:17: Thomas Mühlnickel: Also ich alleine da im Plenarsaal zu stehen, das war schon cool.
00:08:21: Thomas Mühlnickel: Und dann zeigte sie mir auch ihr Büro und der Niedersächsische Landtag ist ja
00:08:24: Thomas Mühlnickel: ein altes, umgebautes Schloss, ist zwar auch alles total modernisiert,
00:08:27: Thomas Mühlnickel: aber einer der letzten Räume, die noch quasi so ganz, ganz, ganz leicht schlossartige
00:08:32: Thomas Mühlnickel: Anlehnung haben, ist ihr Büro.
00:08:34: Thomas Mühlnickel: Mit einem ganz tollen Blick auch raus und so.
00:08:37: Thomas Mühlnickel: Da dachte ich, okay, so habe ich mir eigentlich politische Räume immer vorgestellt
00:08:41: Thomas Mühlnickel: und habe jetzt, nachdem ich seit 2009 oder 17 Jahre mittlerweile auch in diesem
00:08:45: Thomas Mühlnickel: Bereich unterwegs bin, sie hat 17 Jahre gebraucht, bis ich so einen Raum gefunden
00:08:48: Thomas Mühlnickel: habe, wie ich es mir vorgestellt habe.
00:08:50: Kevin Kühnert: Und sie war sehr zufrieden mit ihrem Wirkung.
00:08:51: Thomas Mühlnickel: Sie ist zufrieden. Ja, sie ist zufrieden.
00:08:55: Kevin Kühnert: Grüße an Hanna.
00:08:56: Thomas Mühlnickel: Richtig gerne aus. Ich schreibe ja gleich. Ich schreibe gleich ein Foto von
00:08:59: Thomas Mühlnickel: uns beiden. Das machen wir gleich. Das ist gut.
00:09:02: Thomas Mühlnickel: Du bist ja
00:09:05: Thomas Mühlnickel: übers Vereinswesen als Schülersprecher über den Sport irgendwie so ins Politische rübergekommen.
00:09:14: Thomas Mühlnickel: Was hat dich eigentlich als Otto-Normal-Schüler politisiert,
00:09:20: Thomas Mühlnickel: was dich irgendwann mal in die Spitze gebracht hat?
00:09:23: Kevin Kühnert: Also erstmal ist das richtig beobachtet, dieses sich in Gemeinschaften zusammenfinden
00:09:28: Kevin Kühnert: und organisieren ist für mich das Normalste der Welt.
00:09:31: Kevin Kühnert: Also mich zu fragen, warum ich sowas mache, ist eigentlich wie mich zu fragen,
00:09:36: Kevin Kühnert: warum ich atme. Das ist etwas, darüber denke ich gar nicht nach.
00:09:39: Kevin Kühnert: Das passiert einfach. Das halte ich für das Normalste der Welt.
00:09:44: Kevin Kühnert: Und so habe ich es von zu Hause aus eben auch gelernt. Also meine Eltern sind
00:09:48: Kevin Kühnert: Vereinssportmenschen, meine Großeltern waren es oder sind es sogar auf eine Art noch.
00:09:54: Kevin Kühnert: Und insofern ist mir das vorgelebt worden. So habe ich gelernt,
00:09:56: Kevin Kühnert: dass die Woche sich auch ein Stück weit strukturiert einfach,
00:10:00: Kevin Kühnert: dass es eben verabredete Termine gibt, zu denen kommt man mit anderen zusammen und macht Sachen.
00:10:04: Kevin Kühnert: Und dann lernst du natürlich in so einem Verein auch ganz früh,
00:10:07: Kevin Kühnert: dass die Vorteile, die das alles mit sich bringt und das, was du daran genießt,
00:10:11: Kevin Kühnert: Das fällt ja nicht vom Himmel, sondern das muss auch alles jemand organisieren.
00:10:15: Kevin Kühnert: Da ist immer auch Arbeit dahinter, die gemacht werden muss.
00:10:18: Kevin Kühnert: Jemand muss Mannschaften trainieren, jemand muss die Halle morgens aufschließen,
00:10:21: Kevin Kühnert: jemand muss das alles aufbauen und irgendwann wächst ja dann da rein,
00:10:24: Kevin Kühnert: dass du auch mit diese Verantwortung übernimmst.
00:10:27: Kevin Kühnert: Und mit diesem Mindset bin ich eigentlich auch durch alle anderen Bereiche meines
00:10:31: Kevin Kühnert: Lebens dann durchgegangen.
00:10:33: Kevin Kühnert: Und deswegen war das ja dann eben auch in der Schule so, dass spätestens bei
00:10:37: Kevin Kühnert: der Frage nach irgendwelchen Klassensprecherwahlen oder so, das für mich einfach
00:10:42: Kevin Kühnert: dazugehörte zu sagen, wir verbringen hier so viel Zeit und es gibt hier ein
00:10:45: Kevin Kühnert: paar Sachen, die könnten auch irgendwie anders sein.
00:10:47: Kevin Kühnert: Und habe bis heute immer die Haltung, wenn man findet, dass andere vielleicht
00:10:51: Kevin Kühnert: Dinge nicht optimal organisieren oder machen, dann muss man sich,
00:10:54: Kevin Kühnert: glaube ich, die Frage stellen, kann ich es nicht selber auch machen und vielleicht sogar besser machen?
00:10:59: Kevin Kühnert: Und wenn die Antwort ja, wahrscheinlich lautet, dann sollte man mal den Finger heben.
00:11:05: Kevin Kühnert: Und ja, so ging das eigentlich immer weiter. Und wenn ich Sachen mache,
00:11:10: Kevin Kühnert: mache ich sie ganz oder gar nicht. Und insofern bin ich immer einen Schritt
00:11:14: Kevin Kühnert: nach dem anderen weitergegangen.
00:11:17: Thomas Mühlnickel: Es wird ja immer gesagt, die Politik ist nicht mehr repräsentativ genug mittlerweile.
00:11:22: Thomas Mühlnickel: Im Bundestag sitzen viel zu viele um die 60-jährige Michaels und Thomas und
00:11:28: Thomas Mühlnickel: viel zu viele Juristen. Und die Bevölkerung ist nicht so richtig abgebildet.
00:11:33: Thomas Mühlnickel: Dann kommt so ein junger, spritziger Typ wie du um die Ecke.
00:11:37: Thomas Mühlnickel: Und dann rufen sofort alle, der kommt ja irgendwie so aus dem Normalen,
00:11:40: Thomas Mühlnickel: der hat sein Studium abgebrochen, hat im Callcenter gearbeitet.
00:11:43: Thomas Mühlnickel: So einen wollen wir auch nicht. Such dir erstmal einen richtigen Job.
00:11:46: Thomas Mühlnickel: Ist das nicht total unfair, einerseits zu sagen, wir brauchen mehr Durchmischung,
00:11:51: Thomas Mühlnickel: Leute wie Claudia Moll, die aus der Pflege kommt und gleichzeitig,
00:11:54: Thomas Mühlnickel: wenn es dann so ist, sagen sie, naja, du bist auch nicht der Richtige.
00:11:58: Kevin Kühnert: Ja, ich glaube, beide Kritikpunkte haben einen wahren Kern. Also man darf sich
00:12:04: Kevin Kühnert: zu Recht darüber beschweren, dass am Ende die konkrete einzelne Person dann doch immer nicht taugt.
00:12:10: Kevin Kühnert: Und ich glaube, der ganz profane Grund ist, wir reden über Politik.
00:12:14: Kevin Kühnert: Also die allererste Voraussetzung ist ja, stimme ich inhaltlich überein oder nicht?
00:12:19: Kevin Kühnert: Und wir können uns ja die Zustimmungszahlen von Parteien angucken.
00:12:22: Kevin Kühnert: Also es kommt ja quasi niemand aus einer Partei, die mehrheitliche Zustimmung,
00:12:27: Kevin Kühnert: in der Gesellschaft hat. Das heißt, allein durch die Frage, wo du politisch
00:12:30: Kevin Kühnert: verortet bist, hast du erstmal schon ganz viele Leute, die sagen.
00:12:34: Kevin Kühnert: Zu dir gehe ich erstmal auf Distanz oder deine Ziele, die teile ich nicht.
00:12:39: Kevin Kühnert: Und das ist okay, das wird auch keine Biografie ausgleichen können,
00:12:43: Kevin Kühnert: sondern das ist eine politische Uneinigkeit, die da zwischen zwei oder mehr Menschen besteht.
00:12:51: Kevin Kühnert: Und deswegen, ja, das habe ich natürlich auch erlebt, es gibt dann immer irgendein
00:12:55: Kevin Kühnert: Defizit sozusagen, was noch da ist.
00:12:58: Kevin Kühnert: Also dann bist du Anfang 20 und dann heißt es, werd mal erstmal älter.
00:13:02: Kevin Kühnert: Dann bist du älter und wird gesagt, ja, jetzt erstmal 20 Jahre Berufserfahrung.
00:13:05: Kevin Kühnert: Dann hast du 20 Jahre Berufserfahrung, dann heißt es, ja Moment,
00:13:08: Kevin Kühnert: aber du hast ja gar nicht irgendwie eine Ehe und drei Kinder.
00:13:10: Kevin Kühnert: Wie willst du denn jetzt über Familienpolitik entscheiden können?
00:13:13: Kevin Kühnert: Und dann musst du noch ein Haus bauen und wenn du dann alle deine Haken in der
00:13:16: Kevin Kühnert: Biografie gesetzt hast, dann bist du Thomas 58 und bist mit vielen anderen,
00:13:23: Kevin Kühnert: die genauso Thomas 58 sind, zusammen im Parlament.
00:13:27: Kevin Kühnert: Also das ist offensichtlich, dass das so nicht geht.
00:13:29: Kevin Kühnert: Und trotzdem kommen wir an der Erkenntnis nicht vorbei, dass Repräsentation
00:13:34: Kevin Kühnert: nicht optimal funktioniert.
00:13:36: Kevin Kühnert: Und dafür muss man nicht das Ziel ausgeben, dass der Deutsche Bundestag ein
00:13:39: Kevin Kühnert: statistisches Abbild der Gesellschaft sein muss. Davon hat dann auch keiner was am Ende.
00:13:46: Kevin Kühnert: Aber die schieren Zugangsbedingungen, nicht die formalen, kandidieren können
00:13:51: Kevin Kühnert: alle erwachsenen Deutschen, die gar nicht im Knast sitzen, sondern.
00:13:57: Kevin Kühnert: Die Hintergründe, die du mitbringen musst, die Zeit, die du einfach aufbringen
00:14:00: Kevin Kühnert: musst, um überhaupt in die Position zu kommen, Aussicht auf ein Mandat zu haben,
00:14:03: Kevin Kühnert: von einer Partei aufgestellt und unterstützt zu werden, das ist schon ein Flaschenhals
00:14:08: Kevin Kühnert: der vielen Menschen, die zum Beispiel Schichtarbeiten, um mal so ein Beispiel
00:14:12: Kevin Kühnert: zu nehmen, Oder die im sehr peripher ländlichen Raum leben, wo sich Politik
00:14:16: Kevin Kühnert: einfach, die große Politik nicht organisiert, wo man also immer lange Wege erstmal
00:14:20: Kevin Kühnert: zurücklegen muss, um dort zu sein, wo Entscheidungen getroffen werden.
00:14:23: Kevin Kühnert: Das ist für die weiter entfernt, oft
00:14:26: Kevin Kühnert: auch unrealistisch, in diese Politik reinzukommen. Das ist ein Problem.
00:14:31: Thomas Mühlnickel: Du wurdest im Winter 17, 18 als frischer Juso-Bundesvorsitzender über Nacht
00:14:37: Thomas Mühlnickel: quasi eine öffentliche Persönlichkeit durch diese No-Gro-Go-Kampagne.
00:14:41: Thomas Mühlnickel: Was, glaube ich, auch vorher keiner absehen konnte, dass die Jusos sagen,
00:14:43: Thomas Mühlnickel: okay, wir sind jetzt gegen eine neue große Koalition.
00:14:46: Thomas Mühlnickel: Und Jusos sagen oft, wir sind gegen irgendwas, aber daraus wird selten so eine
00:14:51: Thomas Mühlnickel: Bewegung und so eine Lautstärke und Größe, wie ihr sie damals erreicht habt.
00:14:55: Thomas Mühlnickel: Und plötzlich war ein Kevin Kühner, den vorher außer dem politischen Berlin
00:14:58: Thomas Mühlnickel: so ein paar Leute keine Sau kannte, war plötzlich einer der bekannten politischen
00:15:04: Thomas Mühlnickel: Köpfe im Land, weil er irgendeine Bewegung angeführt hat.
00:15:07: Thomas Mühlnickel: Darauf konnte dich doch kein Mensch vorbereiten, oder?
00:15:10: Kevin Kühnert: Und das war das Gute, weil ich bin gewählt worden Ende November 2017 zum Juso-Bundesvorsitzenden
00:15:17: Kevin Kühnert: und das ist natürlich nicht über Nacht passiert, sondern das deutete sich schon länger an.
00:15:22: Kevin Kühnert: Also ich hatte eine Vorbereitungsphase quasi darauf und hatte eine Vorstellung
00:15:27: Kevin Kühnert: davon, was das Amt mit sich bringt, weil ich ja schon andere vorher in diesem Amt.
00:15:31: Kevin Kühnert: Erlebt habe und die sind jetzt alle keine Bekanntheiten geworden.
00:15:35: Kevin Kühnert: Also ich wusste, da kommt jetzt eine Menge Arbeit auf mich zu,
00:15:39: Kevin Kühnert: aber das ist vor allem Arbeit nach innen gewesen, einen großen Jugendverband
00:15:42: Kevin Kühnert: zu leiten, ist auch ohne, dass man bekannt ist, einfach eine Managementaufgabe,
00:15:46: Kevin Kühnert: die gar nicht so leicht ist.
00:15:47: Kevin Kühnert: Die andere Komponente, die hat in den Erwägungen keine Rolle gespielt.
00:15:51: Kevin Kühnert: In Normalzeiten bist du als Juso-Vorsitzender immer froh gewesen,
00:15:54: Kevin Kühnert: wenn sich hin und wieder mal irgendwie eine Schülerzeitung gemeldet hat und
00:15:56: Kevin Kühnert: gefragt hat, ob sie ein Interview haben kann.
00:15:58: Kevin Kühnert: Das war dann das Höchste der Gefühle. Und das wurde dort anders und ich würde
00:16:03: Kevin Kühnert: gar nicht sagen durch die No Groco Kampagne, die ist dann mehr Mittel zum Zweck
00:16:06: Kevin Kühnert: gewesen, sondern eigentlich verdanke ich das ja alles Christian Lindner.
00:16:09: Kevin Kühnert: Der ja wenige Tage vor meiner Wahl zum Juso-Vorsitzenden in dieser Nacht-und-Nebel-Aktion
00:16:15: Kevin Kühnert: vor der Landesvertretung Baden-Württemberg mit seinen Leuten Aufstellung nahm
00:16:19: Kevin Kühnert: und erklärte, es sei besser nicht zu regieren als falsch zu regieren.
00:16:23: Kevin Kühnert: Das war ein Lebensmotto. Genau.
00:16:25: Kevin Kühnert: Da platzten also die Jamaika-Verhandlungen und dann entstand ja so ein Schwebezustand,
00:16:30: Kevin Kühnert: in dem unklar war, was ist jetzt eigentlich? Muss jetzt doch wieder die SPD
00:16:34: Kevin Kühnert: ran? Gibt es jetzt Neuwahlen? Gibt es eine Minderheitsregierung?
00:16:37: Kevin Kühnert: Der Bundespräsident, auch damals schon Frank-Walter Steinmeier.
00:16:42: Kevin Kühnert: Guckte seiner Partei, wo die Mitgliedschaft ja ruht, tief in die Augen sozusagen
00:16:47: Kevin Kühnert: und machte klar, Kenas, ihr seid dran.
00:16:51: Kevin Kühnert: Und ja, dann begann dieses Ringen. Ich war dann gewählt worden an dem Freitag
00:16:57: Kevin Kühnert: da drauf, fünf Tage später.
00:16:58: Kevin Kühnert: Wir waren die erste SPD-Veranstaltung eigentlich, nachdem all das passierte.
00:17:02: Kevin Kühnert: Das heißt, wir hatten einen riesigen Medienauflauf. Martin Schulz,
00:17:05: Kevin Kühnert: damals noch, also gerade ja noch Spitzenkandidat kurz zuvor gewesen und noch
00:17:10: Kevin Kühnert: amtierender Parteivorsitzender, kam zu uns auf den Juso-Bundeskongress und versuchte
00:17:14: Kevin Kühnert: irgendwie zu erklären, was passiert.
00:17:16: Kevin Kühnert: Ihm da jetzt widerfahren ist und wie er jetzt vorgehen möchte.
00:17:19: Kevin Kühnert: Zwei Wochen später war Parteitag.
00:17:22: Kevin Kühnert: Dann war im Januar noch ein Parteitag, weil dann, den hatten wir eben abgerungen,
00:17:25: Kevin Kühnert: dass da über die Sondierung entschieden wird. Dann gab es das Mitgliedervotum.
00:17:28: Kevin Kühnert: Dann sind irgendwie 20.000 Leute in die SPD eingetreten.
00:17:31: Kevin Kühnert: Und das alles spielte sich in
00:17:32: Kevin Kühnert: drei Monaten eigentlich ab. Zwischen Ende November und Anfang März 2018.
00:17:38: Kevin Kühnert: Und ja, ich muss mich auch immer kneifen, wenn ich an die Zeit zurückdenke,
00:17:40: Kevin Kühnert: weil das ist so gegen jede Wahrscheinlichkeit gewesen.
00:17:45: Thomas Mühlnickel: Danach ging es ja so ähnlich auch für dich weiter. Dann gab es natürlich nach
00:17:49: Thomas Mühlnickel: dieser Kampagne erstmal kurz eine normale Zeit, aber du wurdest relativ schnell
00:17:54: Thomas Mühlnickel: stellvertretender Parteivorsitzender, dann wurdest du Generalsekretär.
00:17:58: Thomas Mühlnickel: Und irgendwann in der Zeit da ganz früh haben wir uns auch mal kennengelernt.
00:18:02: Thomas Mühlnickel: Ich habe dich öffentlich beobachtet, aber auch im Persönlichen.
00:18:06: Thomas Mühlnickel: Für mich ist aber die Frage gehabt, wie zum Teufel schafft er das,
00:18:10: Thomas Mühlnickel: mit so einem kometenhaften Aufstieg irgendwie immer der gleiche zu bleiben und nicht abzuheben
00:18:17: Thomas Mühlnickel: Und da ich mir es selber nie beantworten kann, habe ich heute mal die Chance,
00:18:20: Thomas Mühlnickel: dich zu fragen. Wie hast du das geschafft?
00:18:22: Kevin Kühnert: Ich weiß gar nicht, ob ich das so runter rausgeschafft habe,
00:18:27: Kevin Kühnert: aber ich denke doch auch, ich habe es ganz gut geschafft.
00:18:31: Kevin Kühnert: Und vermutlich hat es damit zu tun, dass normalerweise ja die große Bekanntheit,
00:18:38: Kevin Kühnert: nicht so sehr in Parteiämtern kommt,
00:18:39: Kevin Kühnert: schon gar nicht in dem Parteiamt des Jugendorganisationsvorsitzenden,
00:18:43: Kevin Kühnert: sondern später in Staatsämtern.
00:18:47: Kevin Kühnert: Das heißt, Leute bewegen sich erstmals so richtig in der Öffentlichkeit,
00:18:52: Kevin Kühnert: wenn dann auch so eine Amtsausstattung zur Verfügung steht. Dann gibt es eben
00:18:56: Kevin Kühnert: gewisse Räumlichkeiten und dann gibt es vielleicht einen Dienstwagen und, und, und, und, und.
00:19:01: Kevin Kühnert: Dann gibt es vielleicht auch eine Erwartung, wie man sich zu kleiden hat in solchen Funktionen.
00:19:05: Kevin Kühnert: Und ich hatte eben das Glück dann wohl in dem Fall, dass meine Bekanntheit in
00:19:10: Kevin Kühnert: diesem Moment des Erlangens des Jugendorganisationsvorsitzes gekommen ist.
00:19:17: Kevin Kühnert: Das heißt, wie mich die Öffentlichkeit kennengelernt hat, war eben so,
00:19:21: Kevin Kühnert: wie ein Juso-Vorsitzender gewesen ist.
00:19:24: Kevin Kühnert: Mit Kapuzenpulli und was nicht alles damals dann auch so immer geschrieben wurde.
00:19:28: Kevin Kühnert: Das habe ich mir auch nicht als Accessoire ausgesucht, sondern so war ich halt.
00:19:32: Kevin Kühnert: Der war halt im Schrank. Genau.
00:19:35: Kevin Kühnert: Ich habe jetzt auch nicht sonderlich viel Geld damals gehabt.
00:19:38: Kevin Kühnert: Weder hätte ich Lust gehabt, mir Anzüge zu kaufen, noch hätte ich die Kohle
00:19:41: Kevin Kühnert: gehabt, mir drei Anzüge in den Schrank zu hängen.
00:19:44: Kevin Kühnert: Und insofern, wer sich in dieser Zeit entschieden hat, sich mit mir mal zu beschäftigen,
00:19:48: Kevin Kühnert: das vielleicht auch interessant zu finden, was ich so sage, hat es in dem Wissen
00:19:52: Kevin Kühnert: getan, dass ich genau so einer bin.
00:19:55: Kevin Kühnert: Ich würde auch sagen, manche fanden genau das auch spannend daran,
00:19:58: Kevin Kühnert: dass da jemand aufgetreten ist, der so oberflächlich, phänotypisch erstmal nicht
00:20:03: Kevin Kühnert: wie ein Abbild des ganzen Politikbetriebes,
00:20:06: Kevin Kühnert: aussieht, sondern eine andere Färbung nochmal mit reinbringt.
00:20:11: Kevin Kühnert: Und das habe ich dann natürlich auch gerne bewahrt und sozusagen mitnehmen können,
00:20:16: Kevin Kühnert: weil das wird dir ja dann auch viele Jahre später, auch wenn du gar nicht mehr
00:20:19: Kevin Kühnert: in diesen Funktionen bist, wird das ja trotzdem weiterhin zugeschrieben und auch zugestanden.
00:20:24: Kevin Kühnert: Und das habe ich gerne mitgenommen und das hat mich dann dementsprechend auch
00:20:27: Kevin Kühnert: nicht so versaut. Also ich habe nie, ich habe das halt nicht so von Anfang an
00:20:31: Kevin Kühnert: kennengelernt, dass zu den Ämtern, die ich innehabe, irgendein Protz dazugehören würde.
00:20:37: Kevin Kühnert: So bin ich auch einfach nicht. Da stehe ich nicht drauf, so bin ich auch nicht erzogen.
00:20:41: Kevin Kühnert: Und ja, insofern musste ich mir jetzt so eine Form von Bescheidenheit dann auch
00:20:45: Kevin Kühnert: nicht antrainieren, sondern die ist einfach da.
00:20:48: Thomas Mühlnickel: Weißt du, dieser Druck?
00:20:49: Thomas Mühlnickel: Teilweise einfach immens, wenn du so eine Projektionsfläche wirst aus dem Nichts,
00:20:53: Thomas Mühlnickel: wo alle Hoffnung in dich setzen. Du bist jetzt der Retter der Partei,
00:20:56: Thomas Mühlnickel: du bist der Retter des Landes, weil du diese Koalition, die keiner will, verhinderst.
00:21:01: Thomas Mühlnickel: Mit knapp 30 diskutierte das Land auf einmal, ob du vielleicht als Parteivorsitzender
00:21:06: Thomas Mühlnickel: kandidierst und du dich erklären musstest, nein, das tue ich jetzt nicht.
00:21:09: Thomas Mühlnickel: Absurd, ja. Ist das nicht einfach manchmal auch gerade, wenn man nicht so lange
00:21:13: Thomas Mühlnickel: dabei ist und noch so jung ist, einfach too much, was da von allen Seiten auf einen einstürzt?
00:21:20: Kevin Kühnert: Ja, ich kann es jetzt besser verstehen im Nachhinein, weil ich natürlich den
00:21:27: Kevin Kühnert: Mechanismus jetzt auch mehrfach schon erlebt habe, anhand der SPD,
00:21:30: Kevin Kühnert: aber auch bei anderen Parteien, auch in anderen Gesellschaftsbereichen, auch im Ausland.
00:21:36: Kevin Kühnert: Und auf die Komplexität und Verdichtung unserer Welt, die in so vielen Dimensionen
00:21:40: Kevin Kühnert: stattfindet, reagieren wir alle mit der Sehnsucht nach einer Vereinfachung eines
00:21:47: Kevin Kühnert: Sachverhalts und auch nach einer Einfachheit von Lösungen.
00:21:50: Kevin Kühnert: Und die einfachste aller denkbaren Lösungen ist die Erlöserfigur,
00:21:54: Kevin Kühnert: die einfach qua ihrer Person dafür sorgt, dass man abgeschirmt wird von einem
00:22:00: Kevin Kühnert: Problem oder dass sie sozusagen den Kampf gegen das Problem aufnimmt.
00:22:04: Kevin Kühnert: Und das ist das, was bei Harry Potter hier dieser, wie heißt das,
00:22:08: Kevin Kühnert: wenn jeder aus ihrem Zauberstab diese Schutzpatronenfigur irgendwie erschaffen.
00:22:12: Thomas Mühlnickel: Ich habe nicht eingelesen, ich weiß, was Harry Potter heißt und danach ist es bei mir vorbei.
00:22:16: Kevin Kühnert: Genau, also ich glaube Patronus heißt das Ding. Jeder Zauberer dort hat quasi
00:22:21: Kevin Kühnert: seinen individuellen Patronus und das ist sein ultimativer Schutz,
00:22:24: Kevin Kühnert: den er in einer ganz bedrohlichen Situation herbeirufen kann.
00:22:27: Kevin Kühnert: Ich glaube, diese Sehnsucht ist tief im Menschen auch drin und die wird dann
00:22:32: Kevin Kühnert: gerichtet in der Politik auf bestimmte Persönlichkeiten und natürlich ist das,
00:22:37: Kevin Kühnert: eine Überforderung jetzt gar nicht so sehr der einzelnen Personen,
00:22:40: Kevin Kühnert: sondern es ist ja systemwidrig eigentlich auch.
00:22:42: Kevin Kühnert: Also eine Demokratie, die hier auf Mehrheitsbeschlüsse, auf Kooperation angelegt
00:22:47: Kevin Kühnert: ist, gerade in der zu glauben, dass man seinen Einsatz auf eine Person setzen
00:22:51: Kevin Kühnert: muss und dann geht das schon,
00:22:53: Kevin Kühnert: das wäre ein schlechtes Zeichen eigentlich, wenn Demokratie hier so funktionieren würde.
00:22:58: Kevin Kühnert: Aber trotzdem muss man die Psychologie dahinter einfach versuchen zu verstehen
00:23:01: Kevin Kühnert: und darf es dann nicht zu persönlich nehmen, weder im Guten, also man kann.
00:23:07: Kevin Kühnert: Darf dann nicht abheben und denken, die sehen alle in dir etwas ganz Zauberhaftes,
00:23:12: Kevin Kühnert: sondern es ist einfach auch ein Großteil Wunsch,
00:23:15: Kevin Kühnert: dass jetzt mal wieder mehr Ordnung und Ruhe und Richtung einkehrt,
00:23:20: Kevin Kühnert: aber auch nicht im Negativen, weil auch die Enttäuschung von so einer Erwartung,
00:23:23: Kevin Kühnert: die entlädt sich ja auch in einer ganz extremen Art und Weise.
00:23:29: Thomas Mühlnickel: Dann mache ich mich daran ja einen Teil noch mitschuldig, weil wir in all den
00:23:33: Thomas Mühlnickel: Kampagnen, die wir machen natürlich immer wieder auch das Instrument der Personalisierung
00:23:37: Thomas Mühlnickel: setzen, siehe dieses Jahr Manuela Schwesig, siehe vor zwei Jahren Dietmar Woltke,
00:23:41: Thomas Mühlnickel: vorher Stefan Weil also die List ist ja relativ lang
00:23:44: Thomas Mühlnickel: wo man eben auch sehen kann, eine Personalisierung im Wahlkampf kann guten Wahlkämpfern
00:23:50: Thomas Mühlnickel: und guten Spitzenleuten eben auch massiv helfen, am Ende eine Wahl zu gewinnen
00:23:55: Thomas Mühlnickel: und gleichzeitig gebe ich dir mit allem, was Du sagst, auch recht.
00:23:57: Thomas Mühlnickel: Also schaffen wir uns da selber auch ein Problem mit gerade?
00:24:02: Kevin Kühnert: Ja, es ist im Moment nicht auflösbar, weil ihr macht das ja nicht ohne Grund.
00:24:05: Kevin Kühnert: Und ich käme auch, stand jetzt, zu der gleichen Analyse.
00:24:11: Kevin Kühnert: Das Zeitalter, in dem wir jetzt gerade sind, ist geprägt durch Personalisierung
00:24:15: Kevin Kühnert: und Emotionalisierung. Beides funktioniert dann auch gut zusammen.
00:24:21: Kevin Kühnert: So werden Kampagnen aufgebaut, so vermitteln sich politische und sonstige Inhalte an Menschen.
00:24:25: Kevin Kühnert: Weder das Prinzip der Vereinfachung, ich meine schon früher hat keiner Wahlprogramme
00:24:29: Kevin Kühnert: gelesen, aber da gab es dann zumindest immer noch so Themen,
00:24:33: Kevin Kühnert: Plakate und vielleicht auch mal ein, zwei Konzepte, die es geschafft haben,
00:24:37: Kevin Kühnert: in einem Wahlkampf über die Wahrnehmungsschwelle zu kommen.
00:24:40: Kevin Kühnert: Da hat dann Deutschland in Bundestagswahlkämpfen über Kopfpauschale oder Bürgerversicherung
00:24:45: Kevin Kühnert: diskutiert. Eigentlich sind wir davon ja nicht.
00:24:47: Kevin Kühnert: Ziemlich weg, weil auch die Partei in Bindung weg ist.
00:24:51: Kevin Kühnert: Du sprichst ja gar nicht mehr gesellschaftliche Milieus an und motivierst sie
00:24:54: Kevin Kühnert: dazu, ihre Partei, zu der sie stehen oder gar nicht zur Wahl gehen.
00:24:59: Kevin Kühnert: Alternativen gab es lange nicht dazu, zu wählen, sondern du hast eine immer
00:25:03: Kevin Kühnert: größer werdende Gruppe von Menschen, die völlig unvoreingenommen daran geht.
00:25:08: Kevin Kühnert: Ich kenne ganz viele, wenn ich die jetzt fragen würde, was hast du beim letzten
00:25:10: Kevin Kühnert: Mal gewählt, das wissen die gar nicht mehr, Weil das eine völlig technisch-taktische.
00:25:17: Kevin Kühnert: Momentaufnahme gewesen ist.
00:25:19: Kevin Kühnert: Wir haben das gesehen bei vielen Landtagswahlen, Leute wählen Parteien,
00:25:22: Kevin Kühnert: die sie noch nie gewählt haben, weil,
00:25:25: Kevin Kühnert: der jeweilige Spitzenkandidat oder die Kandidatin den Eindruck vermittelt,
00:25:29: Kevin Kühnert: dass ein übergeordnetes Ziel, nämlich zum Beispiel irgendwie demokratische Mehrheiten
00:25:32: Kevin Kühnert: im Parlament zu sichern, realistisch erreichen zu können.
00:25:35: Kevin Kühnert: Ich verurteile das nicht, aber es ist ja erkennbar eine ganz andere Motivlage,
00:25:39: Kevin Kühnert: als früher es bei Wahlentscheidungen gewesen ist.
00:25:43: Kevin Kühnert: Und ich verstehe aber auch, dass man nicht in Schönheit sterben möchte im Wahlkampf.
00:25:46: Kevin Kühnert: Man kann jetzt dagegen antreten und sagen, wir machen jetzt hier so eine Volkserziehungskampagne
00:25:50: Kevin Kühnert: und machen Stuhlkreise und reden mit den Leuten über Seite 78 im Programm.
00:25:55: Kevin Kühnert: Nein, will not happen. Also das ist jetzt die Ausgangslage und es kommt dann
00:25:59: Kevin Kühnert: ein bisschen auf die Personen an, ob sie es schaffen, eine Rückkopplung von
00:26:03: Kevin Kühnert: sich auch wieder auf so ein paar basale Inhalte zu schaffen.
00:26:07: Thomas Mühlnickel: Naja, unser Auftrag ist ja am Ende zu gewinnen.
00:26:09: Kevin Kühnert: Ja.
00:26:09: Thomas Mühlnickel: So. Dann ist das so. Und wenn der Zug erstmal fährt, kann man ihn ja nicht aufhalten.
00:26:13: Thomas Mühlnickel: Das war so eine Debatte, die wir in Brandenburg vor zwei Jahren ganz extrem
00:26:16: Thomas Mühlnickel: bekommen haben. Oder er sagt, ja, da hätte ihre Personalisierung auf den Weg
00:26:18: Thomas Mühlnickel: mal stoppen müssen, damit die Grünen reinkommen.
00:26:21: Thomas Mühlnickel: Wenn es läuft, kannst du es nicht aufhalten. Wenn Stimmungen sich bewegen,
00:26:23: Thomas Mühlnickel: kannst du nicht sagen, so und jetzt bitte nochmal 5000 Leute zu den Grünen,
00:26:27: Thomas Mühlnickel: so funktioniert es ja nicht.
00:26:28: Kevin Kühnert: Das stimmt. Ich erinnere mich noch im Landtagswahlkampf 24 in Brandenburg,
00:26:31: Kevin Kühnert: bin ich am Samstag vor der Wahl mit Sebastian Rüther in ...
00:26:36: Kevin Kühnert: Klein Machnung, glaube ich, unterwegs gewesen, Haustürwahlkampf,
00:26:39: Kevin Kühnert: haben wir einen überzeugten FDPler getroffen, der ohne, dass wir ihn überhaupt
00:26:43: Kevin Kühnert: nur gefragt hätten, sagte, naja, kann ja morgen nur euch wählen,
00:26:46: Kevin Kühnert: ist ja alles andere, gibt ja gar keinen Sinn.
00:26:49: Kevin Kühnert: Das ist dann fast schon so ein schambehafteter Moment gewesen,
00:26:52: Kevin Kühnert: wo wir auf den Boden geguckt und gesagt haben, Dankeschön.
00:26:56: Thomas Mühlnickel: Ja, wir haben ja recht.
00:26:59: Thomas Mühlnickel: Du bist vor zwei Jahren, etwa zwei Jahren, für viele, fast alle sehr überrascht
00:27:05: Thomas Mühlnickel: aus der Politik, ausgeschieden, über die Gründe hast du lange in der Zeit gesprochen
00:27:09: Thomas Mühlnickel: und so weiter und bist mittlerweile bei Finanzwende.
00:27:13: Thomas Mühlnickel: Und gleichzeitig neben dem Job bei Finanzwende, über den wir da in Ruhe reden
00:27:17: Thomas Mühlnickel: müssen, bist du weiterhin eine öffentliche Person.
00:27:21: Thomas Mühlnickel: Du hast deinen eigenen Podcast, hast eine Kolumne, ich will immer Rolling Pin
00:27:27: Thomas Mühlnickel: sagen, das ist das Kochbuch.
00:27:31: Thomas Mühlnickel: Beim Rolling Stone. Natürlich, da wird nicht gekocht. ah, verdammt,
00:27:37: Thomas Mühlnickel: gehst auch weiter in Talkshows, wenn Leute nett fragen wie ich,
00:27:40: Thomas Mühlnickel: gehst auch in andere Podcasts.
00:27:43: Thomas Mühlnickel: Wie funktioniert das für dich, nicht mehr aktiv Politik zu machen und trotzdem
00:27:48: Thomas Mühlnickel: so eine öffentliche, politische Person zu sein?
00:27:50: Thomas Mühlnickel: Die zweite, die man heute ja so kennt, ist eigentlich Rekala Lang,
00:27:53: Thomas Mühlnickel: wo es gerade eben nicht läuft. Wie funktioniert das für dich?
00:27:56: Kevin Kühnert: Erstaunlich gut. Und,
00:27:59: Kevin Kühnert: Es ist ja so, wenn, also Bekanntheit kommt manchmal mit Ämtern,
00:28:03: Kevin Kühnert: aber sie geht nicht, wenn man die Ämter abgibt.
00:28:07: Kevin Kühnert: Und insofern, das habe ich ja dann schnell gemerkt danach, man wird natürlich weiterhin erkannt.
00:28:14: Kevin Kühnert: Es war auch nochmal ein Lehrbeispiel dafür, wie wenig viele von Politik eigentlich,
00:28:19: Kevin Kühnert: mitbekommen. Ich treffe bis heute Menschen, die gar nicht mitgeschnitten haben,
00:28:23: Kevin Kühnert: dass ich eigentlich raus bin.
00:28:25: Kevin Kühnert: Ja, also die irgendwie vermuten, dass ich also mindestens mal ja noch im Bundestag
00:28:29: Kevin Kühnert: sitzen würde, wenn ich sogar noch SPD-Generalsekretär bin.
00:28:33: Kevin Kühnert: Es ist sehr heilsam, das einfach in diesen Gesprächen so mitzukriegen,
00:28:36: Kevin Kühnert: weil es relativiert dann auch so viele Alltagsaufregungen, die im politischen
00:28:40: Kevin Kühnert: Berlin immer da sind, wo irgendeiner denkt, oh, da ist ein Satz im Interview
00:28:44: Kevin Kühnert: in irgendeiner Regionalzeitung gefallen. Kein Mensch hat es mitbekommen.
00:28:47: Kevin Kühnert: Also kann man wirklich immer mit Gewissheit sagen.
00:28:50: Kevin Kühnert: Und ja, dann habe ich mir irgendwann die Frage stellen müssen,
00:28:55: Kevin Kühnert: kämpfe ich jetzt jahrelang dagegen an?
00:28:57: Kevin Kühnert: Also versuche ich jetzt demonstrativ vergessen zu werden und das alles abzutrainieren,
00:29:03: Kevin Kühnert: in der Hoffnung, dass irgendwann einfach keiner mehr erinnert und ich wieder
00:29:06: Kevin Kühnert: neutralisiert bin im öffentlichen Raum?
00:29:08: Kevin Kühnert: Das ist aber unrealistisch und auch gar nicht nötig.
00:29:11: Kevin Kühnert: Also ich habe ja keine goldenen Löffel geklaut, habe nichts gemacht,
00:29:14: Kevin Kühnert: wofür mich jetzt irgendwie schäme, es habe ja nur eine selbstbestimmte Entscheidung
00:29:17: Kevin Kühnert: getroffen und erlaube mir das daher weiterhin zu tun mit ein paar klaren Regeln
00:29:23: Kevin Kühnert: für mich selbst, dass ich nicht als.
00:29:27: Kevin Kühnert: Kritiker der Strukturen, aus denen ich ausgestiegen bin, sozusagen auftrete.
00:29:30: Kevin Kühnert: Also ich spreche über das, was ich da weiß und auch gut einschätzen kann,
00:29:36: Kevin Kühnert: aber ich bewerte keine Personen, ich mache keine
00:29:40: Kevin Kühnert: Strategiebelehrungen für Parteien oder ähnliches, ich vergebe keine Haltungsnoten
00:29:44: Kevin Kühnert: für Regierungsmitglieder, also all das, was mal so an unangenehmen Zeug von
00:29:48: Kevin Kühnert: Leuten, die raus sind, kommt, das versuche ich.
00:29:51: Thomas Mühlnickel: Habe ich Sie mal Gabriel gehört?
00:29:52: Kevin Kühnert: Ja, irgendwo hörte ich auch gerade, so ein Tinnitus. Ja, ja.
00:29:58: Kevin Kühnert: Das versuche ich alles zu vermeiden und unter den Bedingungen,
00:30:02: Kevin Kühnert: finde ich, haben Leute, die diese Erfahrung gesammelt haben,
00:30:04: Kevin Kühnert: die ich gesammelt habe, es ist ja eine spezifische Erfahrung und damit ja auch,
00:30:08: Kevin Kühnert: ein Erfahrungswert, auf den können nicht so viele zurückgreifen.
00:30:11: Kevin Kühnert: Und daher tun wir, glaube ich, ganz gut daran, dass diejenigen,
00:30:15: Kevin Kühnert: die diese Erfahrung haben, die auch ein bisschen einbringen.
00:30:19: Kevin Kühnert: Nicht, weil die mich zu einem schlaueren Menschen per se machen würde,
00:30:23: Kevin Kühnert: aber es bietet mir eine Perspektive, mit der ich, denke ich,
00:30:26: Kevin Kühnert: ein paar Entwicklungen unserer Zeit,
00:30:31: Kevin Kühnert: gewinnbringend betrachten und kommentieren kann. Und ob dann daraus jemand was
00:30:35: Kevin Kühnert: machen möchte oder nicht, das ist ja allen selbst überlassen.
00:30:38: Thomas Mühlnickel: Und das Interesse scheint ja noch da zu sein.
00:30:39: Kevin Kühnert: Das ist definitiv so.
00:30:41: Thomas Mühlnickel: Ja. Ich höre nicht die Rufe, Kevin, bitte dräng dich nicht weiter auf,
00:30:44: Thomas Mühlnickel: sondern eher die Rufe von Kevin, sei bitte dabei und sag uns mal deine Meinung dazu.
00:30:50: Kevin Kühnert: Genau und in den meisten Fällen muss ich das enttäuschen, weil ich auch zu ganz
00:30:55: Kevin Kühnert: vielen Sachen gefragt werde, wo ich dann eben sage, nee und zum Beispiel jetzt zu meiner,
00:31:00: Kevin Kühnert: gar nicht mehr ganz so neuen beruflichen Aufgabe bei Finanzwende gehört eben
00:31:03: Kevin Kühnert: auch, weil wir ein überparteilicher Laden sind, dass ich,
00:31:08: Kevin Kühnert: überhaupt nicht in SPD-Kontexten auftrete.
00:31:10: Kevin Kühnert: Bei uns sind mehrere Leute, die in unterschiedlicher Art meinen parteipolitischen
00:31:14: Kevin Kühnert: Hintergrund auch hatten.
00:31:15: Kevin Kühnert: Und für uns ist klar, wenn wir das mit Leben füllen wollen, diesen überparteilichen Ansatz,
00:31:20: Kevin Kühnert: dann heißt es zwar, dass wir mit Parteien zu tun haben, aber dass diejenigen
00:31:24: Kevin Kühnert: von uns, die höchstpersönlich diese Verbindung haben, nicht bei ihrer Partei
00:31:29: Kevin Kühnert: sozusagen auftreten, um keine Irritation auch zu erzeugen.
00:31:33: Thomas Mühlnickel: Okay, das heißt, das vorige Leben wird natürlich nicht ausgelöscht,
00:31:35: Thomas Mühlnickel: aber du würdest jetzt auf dem Bundesparteitag im Januar nicht die Rede halten
00:31:38: Thomas Mühlnickel: und für Person A, B, C oder D wärmen.
00:31:41: Kevin Kühnert: Genau, und natürlich geht Finanzwende auf Einladung von SPD-Gliederungen zur
00:31:46: Kevin Kühnert: Veranstaltung, wenn unsere Expertise gefragt ist oder ähnliches, aber eben nicht ich.
00:31:50: Thomas Mühlnickel: Okay, das klingt auch irgendwie sinnvoll. Was war denn der beste Rat,
00:31:55: Thomas Mühlnickel: den du jemals bekommen hast?
00:32:02: Kevin Kühnert: Also im Politischen,
00:32:06: Kevin Kühnert: erinnere ich mich bis heute an etwas, was mir ganz, ganz, ganz am Anfang,
00:32:11: Kevin Kühnert: wir sprachen über die Zeit zu
00:32:12: Kevin Kühnert: Beginn des Juso-Vorsitzes, was mir Thorsten Schäfer-Gümbel mitgegeben hat,
00:32:17: Kevin Kühnert: nämlich die einfache Regel, man kann draußen alle Kritik äußern,
00:32:21: Kevin Kühnert: wenn man sie vorher drin geäußert hat.
00:32:26: Kevin Kühnert: Und das ist eigentlich eine Weisheit, die ist jetzt in ihrem,
00:32:31: Kevin Kühnert: so wie Thorsten es damals zu mir gesagt hat, war es auf das konkrete Setting bezogen,
00:32:37: Kevin Kühnert: im SPD-Parteivorstand, aber da liegt ja eine grundsätzlichere Weisheit mit drin,
00:32:42: Kevin Kühnert: nämlich zum Umgang miteinander.
00:32:44: Kevin Kühnert: Eigentlich ist das eine Empathielehre sozusagen gewesen, weil es hat was mit
00:32:50: Kevin Kühnert: Fairness gegenüber den anderen zu tun, demjenigen gegenüber,
00:32:53: Kevin Kühnert: dem die Kritik geäußert wird.
00:32:56: Kevin Kühnert: Es hat auch wieder was mit der Ernsthaftigkeit zu tun. Denn eine Kritik,
00:32:59: Kevin Kühnert: die nur des Effekts wegen nach außen geäußert wird und gar nicht vorher an die
00:33:03: Kevin Kühnert: betreffende Person oder Struktur,
00:33:06: Kevin Kühnert: die scheint ja gar nicht zu erwarten, dass auf die Kritik reagiert und etwas
00:33:09: Kevin Kühnert: verändert wird, sondern die will vor allem selber vorkommen und von allen Seiten
00:33:15: Kevin Kühnert: beleuchtet und gesehen werden.
00:33:17: Kevin Kühnert: Und das fand ich sehr hilfreich.
00:33:20: Thomas Mühlnickel: Ist ja auch gar nicht so einfach, sich daran zu halten, wenn einem ständig ein
00:33:23: Thomas Mühlnickel: Mikro hingehalten wird und Journalisten einem anbieten. Du kannst jetzt bei
00:33:26: Thomas Mühlnickel: uns vielleicht Seite 1 sein, wenn du jetzt einmal richtig einen rausballerst.
00:33:30: Thomas Mühlnickel: Nicht über jedes Stückchen zu
00:33:31: Thomas Mühlnickel: springen, das einem für Aufmerksamkeit und Schlagzeile hingehalten wird.
00:33:35: Kevin Kühnert: Ja, meine Erfahrung ist auch, dass im politischen Berlin ganz viel Kritik geäußert
00:33:39: Kevin Kühnert: wird, die sich die Akteure gar nicht strategisch vorgenommen haben,
00:33:42: Kevin Kühnert: sondern die quasi verunfallt als Beifang in Statements, Interviews, in,
00:33:50: Kevin Kühnert: manchmal auch so Gefälligkeits-Settings.
00:33:53: Kevin Kühnert: Dann wartete da jemand drei Stunden vor irgendeinem Saal und bittet darum,
00:33:56: Kevin Kühnert: jetzt doch noch kurz was zu haben. Und dann ist das fast, als möchte jemand
00:34:00: Kevin Kühnert: einen Euro von dir haben und dann erbarmst du dich und sagst,
00:34:03: Kevin Kühnert: ja okay, natürlich, bitte.
00:34:06: Kevin Kühnert: Und bei sowas passieren ganz oft Dinge, die dann eine große Runde machen und
00:34:10: Kevin Kühnert: wo du dich fragst, was denn jetzt passiert? Ich hatte mir gar nicht vorgenommen,
00:34:13: Kevin Kühnert: irgendwas loszutreten, aber ja, es ist nicht immer ein Drehbuch.
00:34:18: Thomas Mühlnickel: Ne, so läuft das leider.
00:34:21: Thomas Mühlnickel: Finanzwende. Guter Name. Viele Leute haben im Kopf irgendwas mit Cum-Ex,
00:34:28: Thomas Mühlnickel: irgendwas mit Geld und neuerdings irgendwas mit Kevin Kühnert.
00:34:32: Thomas Mühlnickel: Kannst du jetzt uns bitte alle einmal aufschlauen, was es genau ist?
00:34:35: Kevin Kühnert: Die Finanzwende ist jetzt ein bisschen über acht Jahre alt und ist gegründet
00:34:40: Kevin Kühnert: worden von Gerhard Schick. Gerhard Schick war lange Jahre, seit 2005 Finanzpolitiker
00:34:46: Kevin Kühnert: im Bundestag für die Grünen.
00:34:49: Kevin Kühnert: Seit 2005 ist deshalb wichtig, weil das bedeutet, er hat als Finanzpolitiker
00:34:53: Kevin Kühnert: die Zeit der Bankenkrise mitgemacht, Lehman Brothers und alles, was daraus folgte.
00:35:00: Kevin Kühnert: Viele wissen irgendwie, es gab eine Bankenkrise, aber können gar nicht mehr
00:35:02: Kevin Kühnert: so richtig sagen, worin bestand die oder was war das Problem da dran.
00:35:06: Kevin Kühnert: Ganz vereinfacht gesagt, das Problem war, dass die Banken nicht genügend Rücklagen
00:35:12: Kevin Kühnert: hatten, um im Krisenfall ihre Probleme sozusagen selber finanziell bewältigen und sich.
00:35:19: Kevin Kühnert: Mit dem Kopf aus der Schlinge ziehen zu können. Und im Ergebnis hat das dazu
00:35:23: Kevin Kühnert: geführt, dass es für uns alle sehr teuer geworden ist, Weil too big to fail,
00:35:27: Kevin Kühnert: man konnte sie dann nicht einfach sterben lassen, wurden gerettet und das mit
00:35:30: Kevin Kühnert: viel Geld vom Steuerzahler.
00:35:32: Kevin Kühnert: Und Gerhard Schick hat das alles begleitet, sehr eifrig, sehr fachkundig und
00:35:37: Kevin Kühnert: musste aber irgendwann so Richtung Ende der 2010er Jahre feststellen,
00:35:42: Kevin Kühnert: systemisch haben wir als Gesellschaft wenig daraus gelernt.
00:35:44: Kevin Kühnert: Und er kam zu dem Schluss, dass wir keine ausreichende Vorkehrung getroffen
00:35:48: Kevin Kühnert: haben, um vor einer vergleichbaren Krise uns gut zu schützen.
00:35:52: Kevin Kühnert: Im Gegenteil, er kam zu dem Schluss, es würde wieder genauso laufen.
00:35:56: Kevin Kühnert: Warum? Weil die Lobby eben Interesse daran hat, diese hohen Rücklagen und Sicherheiten
00:36:00: Kevin Kühnert: nicht bilden zu müssen und die Politik...
00:36:04: Kevin Kühnert: Wollte oder nicht konnte, das durchzusetzen. Und dann war er auch in so einem
00:36:10: Kevin Kühnert: Moment, wo er sich die Frage nach politischer Wirkung gestellt hat,
00:36:13: Kevin Kühnert: wie ich es dann später aus ganz anderen Gründen auch getan habe.
00:36:16: Kevin Kühnert: Und kam zu dem Schluss, wenn mir hier anscheinend ein Player in der Finanzpolitik
00:36:21: Kevin Kühnert: fehlt, der mich unterstützt in meinen Zielen, in dem Fall ein zivilgesellschaftlicher
00:36:26: Kevin Kühnert: Player, der in der Lage ist, der Bankenlobby, die sehr stark ist, entgegenzutreten,
00:36:31: Kevin Kühnert: dann sollte ich vielleicht nicht darüber jammern, dass dieser Player fehlt,
00:36:34: Kevin Kühnert: sondern dann muss ich mich fragen, muss ich den vielleicht selber gründen?
00:36:37: Kevin Kühnert: Muss ich die Lücke in der Gesellschaft füllen, die ich jetzt über Jahre hier ausgemacht habe?
00:36:41: Kevin Kühnert: Und hat da sein Mandat niedergelegt und hat Finanzwende gegründet.
00:36:45: Kevin Kühnert: Ganz klein, mit fünf Leuten, mit einer sehr respektablen Gruppe an Gründungsmitgliedern,
00:36:51: Kevin Kühnert: mit viel Fachexpertise in dem Raum. Menschen, die ihm vertraut haben,
00:36:54: Kevin Kühnert: weil aus ganz unterschiedlichen Lagern und auch ein bisschen parteiübergreifend aufgestellt.
00:37:01: Kevin Kühnert: Und heute, acht Jahre später, ist Finanzwende ein Laden, der sein inhaltliches
00:37:05: Kevin Kühnert: Portfolio deutlich erweitert hat, in dem fast 60 Leute arbeiten, der von,
00:37:10: Kevin Kühnert: fast 25.000 Fördermitgliedern unabhängig getragen und unterstützt wird,
00:37:15: Kevin Kühnert: keine öffentliche Finanzierung oder irgend sowas.
00:37:17: Kevin Kühnert: Also wir stehen im freien Wettbewerb, kann man wirklich sagen.
00:37:20: Kevin Kühnert: Das ist quasi eine Unternehmung, Finanzwende.
00:37:23: Kevin Kühnert: Und die Wirkung, ja, die ist ganz enorm und macht riesig Spaß.
00:37:30: Thomas Mühlnickel: Das heißt, ihr seid so eine Art Gegengewicht. Es gibt kapitalseitig großes Lobbying,
00:37:36: Thomas Mühlnickel: sehr viel Aktion, sehr viel Initiative.
00:37:40: Thomas Mühlnickel: Und es gibt nicht kapitalseitig, also eigentlich auf der Seite der vielen,
00:37:44: Thomas Mühlnickel: der Leute, die wenig Geld haben, gab es dieses Gegengewicht nicht.
00:37:47: Thomas Mühlnickel: Das ist ein bisschen, wie man es auch von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
00:37:50: Thomas Mühlnickel: klingt, die einen total schönen Namen hat, aber in Wahrheit ja eine Hardcore-Lobby-Organisation
00:37:54: Thomas Mühlnickel: ist. Und der Steuerzahler ist auch der Steuerzahler. Die Familienunternehmer,
00:37:58: Thomas Mühlnickel: die Familien sind, aber teilweise Milliardärsfamilien.
00:38:03: Thomas Mühlnickel: Die haben auf der Kapitalseite sehr viel Macht und auf der anderen Seite fehlt das total oft.
00:38:12: Thomas Mühlnickel: Müsste das ja auch ein Teil von Politik einfach schon sein, dieses Gegengewicht zu bauen?
00:38:18: Kevin Kühnert: Klar. Andererseits, ich meine, Politik ist nicht immer aus sich selbst heraus
00:38:22: Kevin Kühnert: schlau und das ist jetzt gar nicht eine Kritik an den handelnden Personen,
00:38:24: Kevin Kühnert: sondern das kann sie gar nicht sein.
00:38:26: Kevin Kühnert: Zumal, wenn die Welt immer komplexer und verschachtelter und globaler wird,
00:38:31: Kevin Kühnert: dann bist du auf Expertise von außen angewiesen.
00:38:33: Kevin Kühnert: Also gute Politik ist dann am Ende auch eine Form von Moderation und Aushandlungsprozess,
00:38:38: Kevin Kühnert: die verschiedenen Interessen zu identifizieren, anzuhören und daraus einen tragfähigen
00:38:43: Kevin Kühnert: Kompromiss zu bauen, vereinfacht gesagt.
00:38:46: Kevin Kühnert: Nur wenn da Interessen im Raum sind, die nicht organisiert sind,
00:38:50: Kevin Kühnert: dann ist es schwierig, die ranzuholen.
00:38:52: Kevin Kühnert: Das kann man vielleicht am besten erklären, dann so institutionellen Dingen
00:38:56: Kevin Kühnert: wie eine Anhörung im Bundestag, wenn Gesetz gemacht wird.
00:38:59: Kevin Kühnert: Zu einer Anhörung werden ja nicht einfache Bürgerinnen und Bürger eingeladen,
00:39:02: Kevin Kühnert: die mal so sagen sollen, wie sie es finden, sondern da werden Verbände angefragt
00:39:05: Kevin Kühnert: und die geben dann Stellungnahmen ab und schicken Menschen in den Ausschussraum
00:39:09: Kevin Kühnert: und die beantworten dann dort die Fachfragen, die von Abgeordneten gestellt werden.
00:39:13: Kevin Kühnert: Aber wen lädt es da ein, wenn es keine Organisation mit einer entsprechenden
00:39:17: Kevin Kühnert: Expertise gibt? Und sowas können wir jetzt eben stärker mittlerweile sein.
00:39:23: Kevin Kühnert: Wir sagen es immer so ein bisschen flapsig, wir versuchen sowas zu sein wie
00:39:27: Kevin Kühnert: das Greenpeace der Finanzwelt im Prinzip, wo Leute einfach wissen...
00:39:33: Kevin Kühnert: Die zu unterstützen, da kann ich
00:39:34: Kevin Kühnert: nicht viel falsch machen, wenn mir dieser Themenbereich ein wichtiger ist.
00:39:38: Kevin Kühnert: Ich muss vielleicht auch nicht im Detail alle Sachen verstehen,
00:39:41: Kevin Kühnert: an denen da genau gearbeitet wird, aber die bauen Expertise auf,
00:39:45: Kevin Kühnert: die haben gute Netzwerke, die können Kampagnenarbeit und gehen in die richtigen Konflikte rein.
00:39:51: Kevin Kühnert: Wir sind auch kein Vollsortimenter, wir sind keine Partei, wir müssen uns nicht zu allem möglichen.
00:39:55: Kevin Kühnert: Wir legen auch nicht eigene Steuerkonzepte vor und sagen, wie das alles so gemacht werden soll.
00:39:59: Kevin Kühnert: Ich mache jetzt auch nichts zur Zuckersteuer beispielsweise,
00:40:01: Kevin Kühnert: weil das nicht unser Spielfeld.
00:40:03: Kevin Kühnert: Wir gehen in die großen grundsätzlichen Auseinandersetzungen rein,
00:40:07: Kevin Kühnert: bei denen wir auch davon ausgehen können, dass es eine deutlich überwiegende
00:40:11: Kevin Kühnert: Zustimmung zu unserem Ansatz in der Gesellschaft,
00:40:14: Kevin Kühnert: gibt, Wo wir aber gleichzeitig sehen, wenn wir das nicht artikulieren,
00:40:18: Kevin Kühnert: wird es nicht artikuliert und fällt als Interesse einfach unter den Tisch.
00:40:22: Kevin Kühnert: Und ja, deswegen ist meine Hauptkampagne im Moment eben beispielsweise die zur
00:40:25: Kevin Kühnert: Erbschaftssteuer, weil da gibt es seit Jahr und Tag ein klares Bild,
00:40:28: Kevin Kühnert: eine deutliche Mehrheit, auch über alle Parteigrenzen und sozialen Milieus hinweg,
00:40:33: Kevin Kühnert: findet, dass am obersten Ende der Erbschaften und Schenkungen mehr beigetragen werden müsste.
00:40:40: Kevin Kühnert: Aber das hat lange im politischen Raum eigentlich als Forderung kaum Widerhall
00:40:44: Kevin Kühnert: gefunden, weil dann sofort so eine Front von Angriff aufs Unternehmertum,
00:40:49: Kevin Kühnert: da gehen Arbeitsplätze verloren, Wettbewerbsnachteile und so weiter kam.
00:40:53: Kevin Kühnert: Und dann stand das einfach als Behauptung im Raum. Und da möchte ich den Politiker
00:40:56: Kevin Kühnert: sehen, der bei solchen Argumenten in Anführungszeichen nicht zurückschreckt
00:41:00: Kevin Kühnert: und sagt, Finger weg, Arbeitsplätze da, wollen wir nichts gefährden.
00:41:04: Thomas Mühlnickel: Das ist ein spannender Punkt, Erplatzsteuer. Ja, genau so ist es ja.
00:41:07: Thomas Mühlnickel: Sobald das Thema aufgemacht wird, die Linke macht es irgendwie dauerhaft,
00:41:12: Thomas Mühlnickel: die Grünen gelegentlich, die SPD hat es auch gerade in den letzten anderthalb
00:41:15: Thomas Mühlnickel: Jahren häufiger gemacht, kommt ja direkt die Argumentation, die ziehen alle in die Schweiz,
00:41:22: Thomas Mühlnickel: sie schmeißen Leute raus, weil sie es nicht mehr leisten können und die arme
00:41:25: Thomas Mühlnickel: Oma Erna verliert ihr Haus.
00:41:29: Thomas Mühlnickel: Stimmt das denn überhaupt? Haben die recht damit?
00:41:32: Kevin Kühnert: Im Großen und Ganzen stimmt das nicht und deswegen ist Demystifizierung ein
00:41:36: Kevin Kühnert: ganz wichtiger Punkt in solchen Kampagnen. Und auch klarzumachen,
00:41:39: Kevin Kühnert: über was reden wir eigentlich?
00:41:42: Kevin Kühnert: Wir kampagnen bewusst nicht zur ganzen Erbschaftssteuer und wollen das nicht
00:41:46: Kevin Kühnert: irgendwie alles umbauen, sondern wenn wir sagen, was wir daran ungerecht finden,
00:41:50: Kevin Kühnert: markieren wir einen ganz konkreten, abgegrenzten Bereich.
00:41:54: Kevin Kühnert: Und das sind die Sonderausnahmen für Multimillionen- und Milliarden-Erbschaften, Denn für die gibt es,
00:42:00: Kevin Kühnert: eine eigene Regelung im Erbschaftssteuerrecht, wenn du einen Erbanteil oder
00:42:05: Kevin Kühnert: einen Schenkungsanteil von 26 Millionen oder mehr Betriebsvermögen bekommst.
00:42:10: Kevin Kühnert: Das ist die Voraussetzung.
00:42:12: Kevin Kühnert: Dann kannst du quasi steuerfrei aus der Sache hervorgehen, wenn du organisierst,
00:42:18: Kevin Kühnert: dass zum Tag X, wo das Amt gerne die Steuer bei dir festsetzen würde,
00:42:23: Kevin Kühnert: du über keine formale Liquidität verfügst.
00:42:26: Kevin Kühnert: Das ist also einfach eine Steuergestaltungssache. Du redest rechtzeitig mit
00:42:29: Kevin Kühnert: dem Steuerberater, gibt es ein paar gängige Modelle, die sind auch legal im
00:42:34: Kevin Kühnert: aktuellen Recht, wo du dein Kapital quasi hinparkst, damit es aktuell nicht nutzbar ist.
00:42:41: Kevin Kühnert: Das weist du dann dem Amt nach und im selben Moment entfällt die Steuerschuld.
00:42:45: Kevin Kühnert: Sie wird auch nicht gestundet, also nicht aufgeschoben oder so.
00:42:49: Kevin Kühnert: So nach dem Motto, wir melden uns nochmal in drei Jahren, vielleicht bist du
00:42:51: Kevin Kühnert: ja dann flüssig. Es ist dann einfach...
00:42:54: Thomas Mühlnickel: Das geht nicht unter 26 Millionen, das geht erst ab 26 Millionen.
00:42:58: Kevin Kühnert: Dieses Modell, bei dem die Liquidität des eigentlich Steuerpflichtigen betrachtet
00:43:03: Kevin Kühnert: wird, ist per Gesetz erst ab diesem 26 Millionen Anteil. Man kann also wirklich
00:43:07: Kevin Kühnert: sagen, das ist eine Millionärs- und Milliardärs-Sonderregel.
00:43:11: Kevin Kühnert: Verschonungen gibt es auch darunter für Betriebsvermögen. Das ist auch,
00:43:16: Kevin Kühnert: ich glaube, da würden die meisten sagen, grundsätzlich nicht zu beanstanden.
00:43:19: Kevin Kühnert: Man kann über die Details reden, aber dass gesagt wird, bei einem Betriebsvermögen,
00:43:24: Kevin Kühnert: was vererbt wird, sollte schon mal jemand hingucken, ob es nachteilig fürs Unternehmen
00:43:29: Kevin Kühnert: ist, wenn da einfach die ganze Steuer erhoben wird. Das ist okay.
00:43:33: Kevin Kühnert: Und deswegen, also das Erbschaftssteuerrecht sieht im Prinzip vor,
00:43:36: Kevin Kühnert: wenn du einige Jahre lang den Betrieb erhältst und dich weiter darum kümmerst
00:43:41: Kevin Kühnert: und in etwa die Lohnzahlung konstant bleiben, dann kannst du.
00:43:46: Kevin Kühnert: Grundverschonung schon mal von 85 Prozent bekommen, weil der Gegenwert,
00:43:51: Kevin Kühnert: den du einbringst, der sozusagen ist zu sagen, wir bleiben hier,
00:43:54: Kevin Kühnert: wir bleiben produktiv und wir geben weiter Menschen Arbeit.
00:43:57: Kevin Kühnert: Das ist, glaube ich, im Grundsatz etwas, wo man sagen kann, nachvollziehbar.
00:44:02: Kevin Kühnert: Aber das darüber, das guckt dann diese Regelung ab 26 Millionen,
00:44:05: Kevin Kühnert: die guckt gar nicht mehr auf den Betrieb so sehr,
00:44:08: Kevin Kühnert: und auf die Arbeitsplätze, sondern sie guckt nur noch auf den Erben und seine
00:44:12: Kevin Kühnert: vermeintliche Bedürftigkeit, weil das ist ja der Irrsinn, die allerreichsten
00:44:17: Kevin Kühnert: Menschen des Landes sind.
00:44:20: Kevin Kühnert: Treten als arme Kirchenmäuse vor den Staat und versuchen ernsthaft,
00:44:24: Kevin Kühnert: glaubhaft zu machen, sie seien ausgerechnet, sie seien nicht in der Lage,
00:44:28: Kevin Kühnert: eine Steuerschuld zu begleichen.
00:44:30: Thomas Mühlnickel: Es ist ja nicht so, dass Deutschland jetzt gerade besonders gierig sei.
00:44:34: Thomas Mühlnickel: Im Vergleich zu anderen Ländern, die solche Regelungen klüger ausgestalten,
00:44:37: Thomas Mühlnickel: nicht. Aber auch im Vergleich zur Vergangenheit nicht. Also wir hatten unter Helmut Kohl.
00:44:41: Thomas Mühlnickel: Und Helmut Kohl war damals nicht so im Verdachten, harter Sozialist zu sein.
00:44:45: Thomas Mühlnickel: Nicht ganz. Eine höhere Einkommenssteuer, wir hatten eine Vermögenssteuer.
00:44:48: Kevin Kühnert: 51 Prozent.
00:44:49: Thomas Mühlnickel: Erbschaftssteuer, alles war anders und stärker belastend geregelt,
00:44:52: Thomas Mühlnickel: als es heute der Fall ist.
00:44:54: Thomas Mühlnickel: Und trotzdem wird uns suggeriert, jetzt sind wir so besonders,
00:44:58: Thomas Mühlnickel: oder der Staat und der Finanzminister, das klingt mal so besonders gierig.
00:45:02: Thomas Mühlnickel: Und vorher auch Christian Lindner und vorher Olaf Scholz, aber der ist immer total gierig.
00:45:07: Kevin Kühnert: Jetzt rede ich mit jemandem, der Kampagnen macht und ich glaube,
00:45:10: Kevin Kühnert: das ist ein guter Punkt, um einmal die inhaltliche und die narrative Ebene auseinanderzunehmen.
00:45:15: Kevin Kühnert: Auf der inhaltlichen Ebene hast du natürlich total recht, hält das in der näheren
00:45:20: Kevin Kühnert: Betrachtung überhaupt nicht stand.
00:45:23: Kevin Kühnert: Insbesondere wenn wir über Vermögensbesteuerung reden, dann sagt die OECD,
00:45:29: Kevin Kühnert: um eine quasi unabhängige Instanz dafür heranzuziehen, ganz klar,
00:45:33: Kevin Kühnert: Deutschland ist auf den absolut hintersten Plätzen, was die Besteuerung von Vermögen angeht.
00:45:38: Kevin Kühnert: Die Vermögensteuer, die ja,
00:45:40: Kevin Kühnert: auch unter Helmut Kohl bis in die späten 90er Jahre erhoben wurde und die,
00:45:45: Kevin Kühnert: seitdem nicht mehr erhoben wird wegen einer damals vom Verfassungsgericht beanstandeten
00:45:51: Kevin Kühnert: Berechnungsgrundlage, die war nie verfassungswidrig oder per se.
00:45:55: Kevin Kühnert: Sie könnte auch wieder erhoben werden, aber man hat sich an dieses heiße Eisen
00:45:58: Kevin Kühnert: danach nicht mehr herangetraut.
00:45:59: Kevin Kühnert: Also die ist vor 30 Jahren entfallen und die Erbschaftssteuer,
00:46:03: Kevin Kühnert: naja, die sorgt in ihrer aktuellen Gestaltung auch wegen der eben genannten
00:46:06: Kevin Kühnert: Ausnahmen für ein gutes Prozent der Steuereinnahmen, die insgesamt in Deutschland in einem Jahr,
00:46:13: Kevin Kühnert: erzielt werden, obwohl jedes Jahr,
00:46:16: Kevin Kühnert: in etwa 400 Milliarden Euro in Deutschland vererbt und geschenkt werden.
00:46:20: Thomas Mühlnickel: 400 Milliarden?
00:46:22: Kevin Kühnert: Ja, das ist die geschätzte Größenordnung. Das heißt, fast die Dimension eines
00:46:26: Kevin Kühnert: Bundeshaushaltes wird jedes Jahr in Form von Erbschaften und Schenkungen in
00:46:30: Kevin Kühnert: Familien und in anderen Strukturen weitergegeben.
00:46:35: Kevin Kühnert: Also das muss man vor Augen haben, wenn man bedenkt, das macht dann die Besteuerung
00:46:38: Kevin Kühnert: all dieser Transfers, macht nur ein Prozent unserer Steuereinnahmen insgesamt aus.
00:46:45: Kevin Kühnert: Das ist schon enorm und da kann man sagen, da sind wir wirklich am unteren Ende unterwegs.
00:46:52: Kevin Kühnert: Die Wahrnehmung ist eine andere und da sind wir bei den Narrativen jetzt.
00:46:57: Kevin Kühnert: Die Lobby hat es über Jahre geschafft, ein paar der Akteure hast du auch genannt.
00:47:01: Kevin Kühnert: Deutschland in den Köpfen der Menschen als Hochsteuerland zu verankern.
00:47:06: Kevin Kühnert: Dafür wird auch die OECD herangezogen und das stimmt auch, die OECD sagt auch,
00:47:11: Kevin Kühnert: Deutschland ist ein Hochsteuerland, aber man muss genau gucken, was sie sagt.
00:47:14: Kevin Kühnert: Sie sagt nämlich, wir sind ein Hochsteuer- und Abgabenland für Arbeit.
00:47:18: Kevin Kühnert: Also wir besteuern vergleichsweise hoch und belegen vergleichsweise hoch mit
00:47:24: Kevin Kühnert: Abgaben die Arbeit in Deutschland. Spitzensteuersatz greift recht früh,
00:47:29: Kevin Kühnert: wird ja auch immer wieder diskutiert, 42 Prozent.
00:47:33: Kevin Kühnert: Klar, die Sozialabgabe ist jetzt nicht einfach nur eine Abgabe,
00:47:35: Kevin Kühnert: kriegst du ja auch was im Gegenzug, Rentenpunkte und so weiter.
00:47:38: Kevin Kühnert: Aber trotzdem, die Leute geben schon eine Menge ab.
00:47:41: Kevin Kühnert: Und egal, wo man jetzt politisch steht, glaube ich, kann man den Leuten zugestehen,
00:47:46: Kevin Kühnert: dass die auch finden, ein bisschen weniger wäre vielleicht auch ganz schön und auch ganz gerecht.
00:47:51: Kevin Kühnert: Nur das ganze Bild ergibt sich erst, wenn wir dann den Fokus,
00:47:55: Kevin Kühnert: also wenn wir einmal rauszoomen und sehen.
00:47:58: Kevin Kühnert: Wie ist denn die Dimensionierung zwischen den verschiedenen Steuerbelastungen eigentlich?
00:48:04: Kevin Kühnert: Und dann kann man letztlich sagen, das, was wir mehr nehmen als andere von Arbeitnehmerinnen
00:48:09: Kevin Kühnert: und Arbeitnehmern, das nehmen wir weniger als andere Länder von Vermögenden.
00:48:14: Kevin Kühnert: Das sind kommunizierende Röhren, mit denen wir es da zu tun haben.
00:48:19: Kevin Kühnert: Und darüber wird politisch nicht so gerne diskutiert.
00:48:24: Kevin Kühnert: Und ein paar Sachen sind aber auch einfach ungeschickt. Also ich würde schon
00:48:27: Kevin Kühnert: sagen, ich verstehe den Eindruck mancher Menschen, dass sich andauernd neue
00:48:32: Kevin Kühnert: Steuern ausgedacht werden, weil wir ständig über irgendwelche Klecker und Konsum
00:48:36: Kevin Kühnert: und sonst was Steuern sprechen.
00:48:38: Kevin Kühnert: Und wenn ich so Peripherpolitik mitkriege als Teil dieser Gesellschaft oder
00:48:42: Kevin Kühnert: ansonsten mit Familie, Arbeit, Ehrenamt und so weiter beschäftigt bin.
00:48:46: Kevin Kühnert: Was ist jetzt? Plastiksteuer? Zuckersteuer?
00:48:50: Kevin Kühnert: Ja, dass da am Stammtisch dann gesagt wird, jetzt hat sich die Politik wieder
00:48:53: Kevin Kühnert: eine neue Steuer ausgedacht, bald müssen wir noch Atemsteuer bezahlen,
00:48:58: Kevin Kühnert: damit der fette Staat irgendwie wieder neue Sachen finanzieren kann.
00:49:02: Kevin Kühnert: Ich verstehe, wo diese Polemik herkommt, auch wenn, nochmal,
00:49:05: Kevin Kühnert: sie einer näheren Betrachtung sachlich nicht standhält.
00:49:09: Thomas Mühlnickel: Ja, auch die Debatte...
00:49:11: Thomas Mühlnickel: Da ist ein ganzer Teil dieser Bevölkerung total faul und der liegt uns auf der
00:49:14: Thomas Mühlnickel: Tasche und den müssen wir jetzt wegnehmen, weil die uns irgendwie abzocken und
00:49:18: Thomas Mühlnickel: dass die anderen zu faul sind, Steuern zu zahlen oder jedes Schlupfloch, was geht, nutzen.
00:49:21: Thomas Mühlnickel: Das wird so ja nicht diskutiert. Und ich selber merke es immer,
00:49:24: Thomas Mühlnickel: ich spare, ich gebe es ja zu, ich spare jeden Monat einen ETF.
00:49:28: Kevin Kühnert: Ja, mache ich auch.
00:49:29: Thomas Mühlnickel: Und gelegentlich kommt da so eine Ausschüttung. Und jedes Mal,
00:49:33: Thomas Mühlnickel: wenn die kommt, freue ich mich zum einen, dass sie eine Ausschüttung kriegt,
00:49:35: Thomas Mühlnickel: aber zum anderen denke ich jedes Mal, wie kann das sein, dass die mit 25 Prozent besteuert ist,
00:49:39: Kevin Kühnert: Weil Geld, das ich schon habe.
00:49:40: Thomas Mühlnickel: Quasi jetzt total billig, sich weiterverarbeitet für mich und sich vermehrt.
00:49:45: Thomas Mühlnickel: Und gleichzeitig, wenn ich am Monatsende mit meinem bescheidenen Geschäftsführerlohn
00:49:49: Thomas Mühlnickel: rausgehe, sind das halt weit über 40 Prozent, die ich da bezahlen muss, auf das höchsten Teil.
00:49:55: Thomas Mühlnickel: Klar, aber trotzdem finde ich es unfair, dass Leute, die gar nicht erst in die
00:49:59: Thomas Mühlnickel: Lage kommen, viel Geld zu verdienen und Geld anzusparen, gar nicht in die Lage
00:50:04: Thomas Mühlnickel: kommen, dieses zu jedem Euro kommt noch ein Euro mehr dazu.
00:50:07: Thomas Mühlnickel: Bis hin zu so, wir wollen nicht alle einzeln Steuern durchbesprechen,
00:50:09: Thomas Mühlnickel: aber diese Schwachsinnregelung, du hast eine nicht selbstgenutzte Immobilie,
00:50:13: Thomas Mühlnickel: verkaufst sie nach 10 Jahren, hast in 10 Jahren ordentlich, in der Regel ordentliche
00:50:18: Thomas Mühlnickel: Entwicklungen drauf gehabt, dass du es halt teurer verkaufen kannst und du tust
00:50:21: Thomas Mühlnickel: nicht einen Cent Steuer darauf.
00:50:22: Kevin Kühnert: Du hast vorher noch die Abschreibung steuerlich machen können und der nächste
00:50:27: Kevin Kühnert: kann das auch alles wieder von vorne anfangen und wenn du über die 25% Kapitalertragsteuer
00:50:32: Kevin Kühnert: bei Aktiendividenden oder Ausschüttung sprichst, dann,
00:50:37: Kevin Kühnert: kann man ja beim Neo-Broker seiner Wahl noch eine Kategorie weiter switchen
00:50:41: Kevin Kühnert: und ist bei den Kryptowerten angekommen.
00:50:44: Kevin Kühnert: Wenn du die nach einem Jahr Haltefrist veräußerst mit Gewinn,
00:50:47: Kevin Kühnert: hast du gar keine Steuern im Moment drauf.
00:50:49: Kevin Kühnert: Wirklich? Wir haben 0% Besteuerung auf Kryptogewinne, wenn die Coins mindestens
00:50:55: Kevin Kühnert: ein Jahr gehalten wurden.
00:50:56: Kevin Kühnert: Das wird sich jetzt wahrscheinlich, also wenn das Finanzministerium sich mit
00:51:01: Kevin Kühnert: seiner Initiative durchsetzt, wird sich das ändern.
00:51:03: Kevin Kühnert: Aber das ist wirklich der ultimative Ausdruck von leistungsloses Einkommen, wird bevorteilt.
00:51:09: Kevin Kühnert: Ich finde übrigens, es ist auch eine Fehlsteuerung investitionsmäßig.
00:51:13: Kevin Kühnert: Also die Regierung spricht zu Recht viel darüber, wie wir Investitionen in Deutschland
00:51:16: Kevin Kühnert: anreizen können und denkt sich so Hebelmodelle aus.
00:51:19: Kevin Kühnert: Also wie kann eine private Investition in neue Maschinen, Forschung und Entwicklung,
00:51:25: Kevin Kühnert: wie kann die so zugefördert werden, dass sich so ein Hebel zusammen ergibt.
00:51:29: Kevin Kühnert: Aber natürlich rechnen alle, die irgendwo was investieren. Und wenn ich eine
00:51:33: Kevin Kühnert: Asset-Klasse sozusagen im Land
00:51:34: Kevin Kühnert: habe, Krypto beispielsweise, wo ich einfach auf die Gewinne, die ich da,
00:51:39: Kevin Kühnert: erziele, 0% Steuern bezahlen muss, dann ist das ja einfach ein steuerlicher Anreiz vom Staat,
00:51:46: Kevin Kühnert: dass ganz viel Kapital da reinfließt.
00:51:49: Kevin Kühnert: Und dann muss man einfach Politik auch fragen, ist denn das in eurem Interesse?
00:51:53: Kevin Kühnert: Habt ihr das lieber, dass die Sehrvermögenen im Land ihr Geld in eine Kryptowallet
00:51:58: Kevin Kühnert: reinstecken, als in einen Betrieb, der sich innovativ weiterentwickeln soll,
00:52:04: Kevin Kühnert: als in eine Forschungsinstitution, die an den Problemen der Zukunft,
00:52:08: Kevin Kühnert: arbeiten soll oder, oder, oder.
00:52:11: Kevin Kühnert: Und ich glaube, da kann doch die Antwort nur ganz eindeutig sein.
00:52:13: Kevin Kühnert: Es muss in etwas Produktives reingehen und nicht einfach in eine anonyme Geldvermehrungsmaschine.
00:52:18: Thomas Mühlnickel: Ich finde, an der Stelle ist auch egal, ob der Staat durch so eine Besteuerung
00:52:22: Thomas Mühlnickel: 70 Millionen mehr einnimmt, 700 oder 7 Milliarden, das ist an der Stelle für
00:52:27: Thomas Mühlnickel: mich gleich der relevante Punkt, das Gerechtigkeitsempfinden,
00:52:30: Thomas Mühlnickel: werden wir alle gerecht herangezogen und diejenigen, die sich gegen Regeln verstoßen,
00:52:36: Thomas Mühlnickel: das ist Uli Hoeneß, wenn er wegen Steuersachen in den Knast muss,
00:52:38: Thomas Mühlnickel: das sind aber auch die Leute, die den Staat ausnutzen und das nicht verdient haben,
00:52:43: Thomas Mühlnickel: Das muss zur Rechenschaft gezogen werden und gleichzeitig muss auch dafür gesorgt
00:52:47: Thomas Mühlnickel: werden, dass wir alle gerecht herangezogen werden zur Finanzierung des Staates.
00:52:52: Thomas Mühlnickel: Und das ist ja der Punkt, wo es nicht mehr läuft.
00:52:54: Kevin Kühnert: Absolut. Und da sind wir im Prinzip bei Finanzwende jetzt wieder zurück.
00:52:59: Kevin Kühnert: Dem stimmen ja die allermeisten Leute zu.
00:53:01: Kevin Kühnert: Unser Job ist es quasi, aus diesem Gefühl von ganz vielen mal eine konsolidierte
00:53:07: Kevin Kühnert: Kampagne zu machen und das mantraartig in die Debatte reinzutragen.
00:53:11: Kevin Kühnert: In die politische, in den Parteien, aber auch in den gesellschaftlichen Raum,
00:53:16: Kevin Kühnert: drumherum. Also wir sind eine Kampagnenorganisation, die einen überparteilichen Ansatz wählt.
00:53:21: Kevin Kühnert: Und das heißt eben für die Erbschaftssteuerkampagne, dass wir uns sehr gut überlegt
00:53:25: Kevin Kühnert: haben, wer soll die Zielgruppe dafür sein? Wir wollen nicht Eulen nach Athen
00:53:28: Kevin Kühnert: tragen. Also es geht nicht darum, dass sich alle, die eh schon immer für eine
00:53:31: Kevin Kühnert: gerechtere Erbschaftssteuer waren, gegenseitig beklatschen für ihre richtige Haltung.
00:53:35: Kevin Kühnert: Denn offensichtlich fehlt ja etwas daran, sonst hätten wir ja schon eine Reform bekommen.
00:53:40: Kevin Kühnert: An wem fehlt es? Es fehlte vor allem am liberal-konservativen Lager,
00:53:44: Kevin Kühnert: was dabei nicht mitgegangen ist.
00:53:46: Kevin Kühnert: Also ist das für uns eine klare Zielgruppe, dort einen Mentalitätswechsel hinzukriegen
00:53:54: Kevin Kühnert: und denen auch klarzumachen, dass ihre Anhängerschaft ja zu einem großen Teil
00:53:57: Kevin Kühnert: das auch anders haben möchte.
00:54:00: Kevin Kühnert: Und eine zweite Gruppe sind Unternehmerinnen und Unternehmer,
00:54:02: Kevin Kühnert: weil wir unbedingt durchbrechen wollten, diese Erzählung, die Unternehmer in
00:54:07: Kevin Kühnert: Deutschland sind gegen eine solche Regel.
00:54:09: Kevin Kühnert: Das ist Unfug, weil erstmal sind das ja auch Menschen, die Teil unserer Gesellschaft
00:54:13: Kevin Kühnert: sind und die ein Gerechtigkeitsempfinden haben, in dem sie sich vielleicht auch
00:54:17: Kevin Kühnert: einfach verletzt fühlen.
00:54:18: Kevin Kühnert: Und Unternehmer ist nicht gleich Unternehmer.
00:54:21: Kevin Kühnert: Übrigens Betriebserbe ist auch nicht gleich Unternehmer. Ganz viele,
00:54:23: Kevin Kühnert: die Betriebsanteile erben, sind gar nicht unternehmerisch tätig,
00:54:26: Kevin Kühnert: sondern sie sind Gesellschafter und kriegen eine jährliche Ausschüttung.
00:54:29: Kevin Kühnert: Ansonsten haben sie nichts zu tun mit dem Unternehmen. Also da sind auch viele falsche Bilder.
00:54:34: Kevin Kühnert: Und wir arbeiten jetzt ganz stark in der Kommunikation, zum Beispiel mit Leuten,
00:54:37: Kevin Kühnert: die gegründet haben und die sagen,
00:54:39: Kevin Kühnert: Wie kann das eigentlich sein? Also hier wird beklagt, dass wir zu wenig Innovationsgeist
00:54:43: Kevin Kühnert: und Gründergeist in der Gesellschaft haben.
00:54:45: Kevin Kühnert: So, und ich habe das jetzt gemacht als Startup-Unternehmer und bin damit auch erfolgreich.
00:54:50: Kevin Kühnert: Ich musste dafür Kredite aufnehmen, weil ich habe kein Vermögen,
00:54:53: Kevin Kühnert: habe auch nichts geerbt und mit Zinsen das alles. Und aus den Gewinnen,
00:54:58: Kevin Kühnert: die mein Unternehmen toi, toi, toi abwirft, muss ich das jetzt über viele Jahre tilgen.
00:55:02: Kevin Kühnert: Und ihr wollt mir jetzt erzählen, dass jemand, der ein fertiges,
00:55:06: Kevin Kühnert: laufendes Unternehmen, was schon profitabel ist, von Eltern oder wem auch immer
00:55:10: Kevin Kühnert: vererbt bekommt, dass das für den eine Zumutung sei, 30 Prozent
00:55:15: Kevin Kühnert: Steuern auf die zu erwartenden Gewinne der nächsten Jahre zu bezahlen.
00:55:19: Kevin Kühnert: Da sitzen viele Unternehmer vor uns, die sagen, also wenn sich davon jemand
00:55:22: Kevin Kühnert: überfordert fühlt, dann soll er mir das Unternehmen geben. Dann kaufe ich es ihm gerne ab.
00:55:25: Kevin Kühnert: Offensichtlich kann die Person mit unternehmerischem Risiko dann nicht so richtig
00:55:29: Kevin Kühnert: umgehen. Und das ist ein anderer Schnack in der Diskussion.
00:55:32: Kevin Kühnert: Und da sind wir im Kampagnenhandwerk letztlich angekommen.
00:55:35: Kevin Kühnert: Das kann der Kampagnen-Dödel von der NGO noch hundertmal argumentieren.
00:55:41: Kevin Kühnert: Es kriegt erst diesen Wumms, wenn dem Unternehmer auf der einen Seite ein Unternehmer
00:55:47: Kevin Kühnert: auf der anderen Seite widerspricht.
00:55:49: Kevin Kühnert: Dann horchen Leute auf. Dann hört auch ein CDU-Bundestagsabgeordneter zu und
00:55:53: Kevin Kühnert: sagt, da muss ich vielleicht nochmal anders drüber nachdenken.
00:55:56: Kevin Kühnert: Es ist vielleicht doch nicht einfach linke Propaganda, sondern hat vielleicht
00:56:00: Kevin Kühnert: doch einen Sitz im Leben.
00:56:01: Thomas Mühlnickel: Aber da geht es ja auch wieder ums gesellschaftliche, wir hören uns zu,
00:56:03: Thomas Mühlnickel: wir sprechen miteinander, wir durchbrechen da auch Mauern und spielen nicht
00:56:08: Thomas Mühlnickel: nur das Spiel von Robin Hood.
00:56:10: Thomas Mühlnickel: Da sind die Armen, für die kämpfen wir und da sind die Reichen,
00:56:12: Thomas Mühlnickel: die sind alle blöd, sondern die auch zusammenzuführen, ins Gespräch zu bringen.
00:56:17: Thomas Mühlnickel: Kevin, dieser Podcast, ich ahne,
00:56:19: Thomas Mühlnickel: was kommt, dieser Podcast ist für mich bislang relativ teuer gewesen.
00:56:22: Thomas Mühlnickel: Ich bin in den NABU eingetreten, ich bin bei Amnesty International eingetreten,
00:56:25: Thomas Mühlnickel: ich zahle monatlich was an Viva Con Agua.
00:56:29: Kevin Kühnert: Das zu den über 40% Grenzsteuersatz, die du auf deinen Geschäftsführergehalt zahlst.
00:56:34: Thomas Mühlnickel: Wahnsinn. Da ist, ich will nicht jammern.
00:56:37: Kevin Kühnert: Ja, wir packen deinen Paypal-Link in die E-Show-Notes.
00:56:40: Thomas Mühlnickel: Ne? Ja, bitte. Wie kann man euch unterstützen?
00:56:49: Kevin Kühnert: Auf mehrere Arten. Und ich sage bewusst nicht den finanziellen zuerst,
00:56:53: Kevin Kühnert: weil wir es tatsächlich auch anders begreifen.
00:56:56: Kevin Kühnert: Die wichtigste Unterstützung ist, wenn ich es in ein Produkt gieße,
00:57:01: Kevin Kühnert: unseren Newsletter zu abonnieren und bei uns auf dem Laufenden zu bleiben zu den Kampagnen.
00:57:07: Kevin Kühnert: Weil dann werden die Leute mit der Zeit schon selber sehen, ob da inhaltlich
00:57:09: Kevin Kühnert: was drin ist, wo sie gut andocken können.
00:57:13: Kevin Kühnert: Zum Teil lernt man ja auch einfach was, weil wir an Themen arbeiten,
00:57:16: Kevin Kühnert: die auch Verbraucheraspekte und Ähnliches beinhalten, Stichwort private Altersvorsorge.
00:57:22: Kevin Kühnert: Das ist das Wichtigste und folgen in den sozialen Medien, weil,
00:57:25: Kevin Kühnert: again, wir sind eine Kampagnenorganisation.
00:57:27: Kevin Kühnert: Wir leben davon, dass die Inhalte, die wir aufbereiten und die Sachen,
00:57:31: Kevin Kühnert: die wir organisieren, dass die ein Forum bekommen.
00:57:35: Kevin Kühnert: Unser Ziel ist nicht, dass unser Budget so groß wird wie das vom Bankenverband
00:57:39: Kevin Kühnert: und vom Gesamtverband der Versicherer und so.
00:57:41: Kevin Kühnert: Das ist gar nicht nötig. Die müssen so viel Geld ausgeben, ehrlicherweise,
00:57:45: Kevin Kühnert: weil sie oft die sachlich schlechteren Argumente haben und das mit vielen parlamentarischen
00:57:50: Kevin Kühnert: Frühstücken und vielen Hochglanzbroschüren ein bisschen kaschieren müssen.
00:57:53: Kevin Kühnert: Wir haben schon Argumente, die von sehr vielen Menschen geteilt werden und brauchen
00:57:58: Kevin Kühnert: eine gewisse Grundlautstärke, um damit die richtigen Menschen zu erreichen.
00:58:03: Kevin Kühnert: Also das ist der wichtigste Punkt.
00:58:04: Kevin Kühnert: Trotzdem, die Leute, die bei uns arbeiten, leben jetzt auch nicht von Luft und
00:58:07: Kevin Kühnert: Liebe. Die müssen auch bezahlt werden und auch Kampagnenzeug muss bezahlt werden.
00:58:10: Kevin Kühnert: Und ja, also unsere Unabhängigkeit, das letzte Jahr ist schon ausgewertet,
00:58:15: Kevin Kühnert: sichern zu über 90 Prozent eben
00:58:18: Kevin Kühnert: die knapp 25.000 Fördermitglieder und die Kleinspenderinnen und Spender.
00:58:23: Kevin Kühnert: Wir haben keine Großspenden, die so groß sind, dass wir existenziell davon abhängig
00:58:27: Kevin Kühnert: wären. Das ist Teil unseres Unabhängigkeitsverständnisses.
00:58:32: Kevin Kühnert: Und insofern diese beiden Wege, Fördermitgliedschaft und Einzelspenden,
00:58:37: Kevin Kühnert: das ist das, was uns finanziell trägt und unsere Unabhängigkeit sichert und
00:58:43: Kevin Kühnert: damit natürlich auch unseren Argumenten besonderes Gewicht erhält.
00:58:47: Kevin Kühnert: Weil man kann uns nicht auf so einer formalen Ebene ans Bein pinkeln.
00:58:51: Kevin Kühnert: Keiner kann kommen und sagen, na, ihr seid ja aber im Interesse von XY unterwegs.
00:58:55: Kevin Kühnert: Sind wir nicht. Kann jeder nachlesen in den entsprechenden Nachweisen.
00:59:01: Kevin Kühnert: Also wir sind da komplett sauber.
00:59:03: Thomas Mühlnickel: Es muss doch aber die Gegenseite total nerven, dass du jahrelang einen gemeinsamen
00:59:07: Thomas Mühlnickel: Podcast mit dem Finanzminister hattest, oder?
00:59:11: Kevin Kühnert: Ja, aber.
00:59:14: Kevin Kühnert: Ich glaube, das kann ich jetzt einfach auch gut plausibilisieren.
00:59:16: Kevin Kühnert: Wir campaignen nicht großartig das Finanzministerium,
00:59:20: Kevin Kühnert: gerade weil dadurch, dass es ein SPD-geführtes Haus in dieser Regierung ist,
00:59:25: Kevin Kühnert: wir schon vergleichsweise viele Sachen haben, wo wir in eine ähnliche Richtung gehen.
00:59:32: Kevin Kühnert: Also zum Thema Kryptobesteuerung oder so muss ich jetzt nicht Lars Klingbeil
00:59:36: Kevin Kühnert: überzeugen, dass da was gemacht werden soll. Die Idee ist ja selber gekommen
00:59:39: Kevin Kühnert: mit dem Gesetzentwurf und wir
00:59:41: Kevin Kühnert: gucken eben immer eher dahin, wo noch Überzeugungsarbeit zu leisten ist.
00:59:46: Kevin Kühnert: Und daher habe ich manchmal das Gefühl, ich habe im Moment mehr mit CDU-Abgeordneten
00:59:50: Kevin Kühnert: und dem CDU-Umfeld zu tun, als ich das in meiner Bundestagszeit tatsächlich hatte.
00:59:55: Kevin Kühnert: Und das ist auch eine sehr angenehme Erfahrung und es ist auch schön,
00:59:57: Kevin Kühnert: die Offenheit von der anderen Seite zu erleben. Also wir drängen uns ja auch
01:00:00: Kevin Kühnert: nicht nur auf, sondern wir werden ja auch eingeladen und das machen die auch
01:00:05: Kevin Kühnert: und das ist schön zu sehen.
01:00:07: Kevin Kühnert: Jetzt hat kürzlich der Stefan Nacke, der den Arbeitnehmerflügel in der Unionsfraktion
01:00:12: Kevin Kühnert: leitet, mit einem Finanzvorstand der Caritas, auch das wieder so ein nicht ganz
01:00:17: Kevin Kühnert: erwartbarer Partner, die haben zusammen einen Namensbeitrag für eine gerechtere
01:00:20: Kevin Kühnert: Erbschaftssteuer veröffentlicht.
01:00:22: Kevin Kühnert: Das sind für mich große Momente im Campaigning, weil,
01:00:25: Kevin Kühnert: der Weg dorthin ist viel länger und die Wirkung von so etwas ist viel größer,
01:00:30: Kevin Kühnert: als dass jetzt noch irgendein Landesparteitag der SPD oder der Grünen einen
01:00:34: Kevin Kühnert: Initiativantrag zu dem Thema beschlossen hat, weil das läuft ehrlicherweise unter erwartbar.
01:00:40: Kevin Kühnert: Das mit Nacke und dem Caritas-Vertreter, das ist nicht erwartbar.
01:00:45: Thomas Mühlnickel: Ja, das läuft ja auch nur in der Parodie so, dass du da den Finanzminister anrufst
01:00:48: Thomas Mühlnickel: und sagst so, mach mal folgendes und der sagt, ah ja, gute Idee, mach ich so.
01:00:53: Thomas Mühlnickel: Auch da ist Politik ja nicht so, wie man es aus der Schablone manchmal denkt.
01:00:57: Kevin Kühnert: Definitiv.
01:00:59: Thomas Mühlnickel: Magst du mir kurz fünf Sätze vervollständigen?
01:01:02: Kevin Kühnert: Blick los.
01:01:02: Thomas Mühlnickel: In der Öffentlichkeit beeindruckt mich derzeit.
01:01:08: Kevin Kühnert: Uff.
01:01:10: Kevin Kühnert: Ich bin immer ganz schlecht da drin, so spontan solche Sachen.
01:01:13: Thomas Mühlnickel: Das war die totale Killerfrage neuerdings.
01:01:15: Kevin Kühnert: Was würdest du im Moment darauf antworten? Vielleicht hilft mir das, einen Ansatz zu finden.
01:01:21: Thomas Mühlnickel: Manuela Schwesig.
01:01:22: Kevin Kühnert: Witzig. Man soll ja seiner Intuition vertrauen. Das ist tatsächlich das Erste,
01:01:25: Kevin Kühnert: was mir sofort in den Sinn gekommen ist. Insofern einigen wir uns auf Manuela
01:01:29: Kevin Kühnert: Schwesig. Schöne Grüße gehen raus.
01:01:31: Thomas Mühlnickel: Über Deutschland denke ich.
01:01:34: Kevin Kühnert: Mh...
01:01:40: Kevin Kühnert: Über Deutschland denke ich ganz viel beim Bahnfahren nach und immer sehr wohlwollend.
01:01:47: Kevin Kühnert: Ich bin, also als Städter, der ich bin, aus dem ICE-Fenster zu gucken,
01:01:51: Kevin Kühnert: gerade wenn der ICE durch Hessen durchfährt, dann bist du immer in einem Tunnel
01:01:55: Kevin Kühnert: und dann kommst du in so ein kurzes, kleines Tal da raus und denke, ach, ist schon schön.
01:02:01: Kevin Kühnert: Schon in überdurchschnittlichen vielen Ecken habe ich dieses Gefühl, ja.
01:02:07: Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf.
01:02:11: Kevin Kühnert: Auf Empathie? Da schließt sich der Kreis wieder?
01:02:15: Thomas Mühlnickel: Der nachfolgenden Generation rate ich.
01:02:17: Kevin Kühnert: Ich möchte gar keine Ratschläge verteilen.
01:02:20: Thomas Mühlnickel: Morgen wird besser als heute, weil?
01:02:24: Kevin Kühnert: Weil dem Vibe-Shift in die eine Richtung immer auch ein Vibe-Shift in die andere
01:02:27: Kevin Kühnert: Richtung folgen kann und wahrscheinlich sogar folgen muss.
01:02:33: Thomas Mühlnickel: Nämlich,
01:02:38: Thomas Mühlnickel: Reichtum und Macht hängen ja oft zusammen weltweit.
01:02:43: Thomas Mühlnickel: Wir sehen das vor allem in den USA, wo ja auch Politik ein echtes Geldbusiness ist.
01:02:48: Thomas Mühlnickel: Ich habe das vor Jahren mal gehabt, da rief mich ein Journalist an und sagte,
01:02:51: Thomas Mühlnickel: Herr Müllnickel, die SPD hat ja ganz schön viel Geld in den Wahlkampf ausgegeben.
01:02:56: Thomas Mühlnickel: Das war schon zehn Jahre her, glaube ich, das war 23 Millionen oder so damals
01:02:59: Thomas Mühlnickel: noch. und sagt, ja, das ist ja Wahnsinnsgeld, was die SPD da ausgibt.
01:03:02: Thomas Mühlnickel: Das ist ja alles nur käuflich hier.
01:03:04: Thomas Mühlnickel: Er sagt, ja, wissen Sie, dass BMW zur IAA in zwei Wochen mehr Geld ausgibt als
01:03:08: Thomas Mühlnickel: die SPD für den ganzen Bundestagswahlkampf?
01:03:09: Thomas Mühlnickel: Und wissen Sie eigentlich, was in einem Tag an einem Bundesstaat in den USA ausgegeben wird?
01:03:13: Thomas Mühlnickel: Das ist auch ein Vielfaches. Also wir arbeiten mit einem Partner aus Washington,
01:03:17: Thomas Mühlnickel: der macht Digitalkampagnen und der lacht sich immer kaputt, wenn ich mit meinem
01:03:20: Thomas Mühlnickel: Oberbürgermeisterwahl 5.000-Euro-Budgets bei ihm ankomme für Digitalwerbung,
01:03:24: Thomas Mühlnickel: während er in einem Bundesstaat zur Wahl am Tag 30 Millionen ausgibt.
01:03:30: Thomas Mühlnickel: Ich bin abgeschwiffen von meinem Gedanken. Macht und Geld hängen ja sehr oft zusammen.
01:03:36: Thomas Mühlnickel: Jetzt kommen diese Big Tech Companies, die immer mehr Geld, immer mehr Daten,
01:03:41: Thomas Mühlnickel: immer mehr Macht auf sich vereinen.
01:03:43: Thomas Mühlnickel: Und das ja nicht nur in den USA, sondern mittlerweile weltweit.
01:03:46: Thomas Mühlnickel: Da gibt es ja so ein bisschen Beef zwischen China und denen,
01:03:49: Thomas Mühlnickel: aber im Kern, wir hängen eher so in dieser amerikanischen Sphäre drin.
01:03:54: Thomas Mühlnickel: Ist das das einzig wahre, große, bombastische, große, riesige,
01:04:01: Thomas Mühlnickel: unfassbare Problem, das wir haben?
01:04:07: Kevin Kühnert: Wenn ich eine Problempyramide bauen müsste, wäre das der Stein,
01:04:11: Kevin Kühnert: der ganz oben drauf wäre.
01:04:14: Kevin Kühnert: Ich glaube, dass in vielerlei Hinsicht der Blick in die USA,
01:04:17: Kevin Kühnert: ein Blick in unsere nähere Zukunft ist, wie sie sein könnte,
01:04:23: Kevin Kühnert: wenn nicht gegengesteuert wird.
01:04:25: Kevin Kühnert: Oder um es als Vorteil zu formulieren, wir haben noch ein bisschen Zeit gegen
01:04:28: Kevin Kühnert: zu steuern und es geht nicht um den schieren Reichtum. Das ist dann oft das,
01:04:33: Kevin Kühnert: was in den Debatten hier so mit Neiddebatte geframed wird. Es geht nicht darum,
01:04:37: Kevin Kühnert: dass jemand einem nicht geheuer ist, einfach nur weil er viel...
01:04:40: Kevin Kühnert: Das ist überhaupt nicht der Punkt. Es geht um die Kombination,
01:04:45: Kevin Kühnert: dass das Spezifische und Neue.
01:04:47: Kevin Kühnert: Die Kombination aus ökonomischer Macht, viel Geld, technologischer Macht,
01:04:52: Kevin Kühnert: publizistischer, also Kommunikationsmacht.
01:04:56: Kevin Kühnert: Die Jungs, über die wir da reden, haben sich alle Medien in ihre Konglomerate,
01:05:01: Kevin Kühnert: mit reingeholt und resultierend aus den drei Sachen politische Macht.
01:05:06: Kevin Kühnert: Sei es durch Förderung von Wahlkampagnen, sei es dadurch, dass sie den,
01:05:10: Kevin Kühnert: Volksentscheid, der in Kalifornien zur Milliardärssteuer stattfinden soll,
01:05:14: Kevin Kühnert: gegen Kampagnen mit Milliarden, die sie einsetzen, woran man schon sieht,
01:05:18: Kevin Kühnert: um wie viel es für sie geht, dass sie diese Summen in diesem vergleichsweise
01:05:23: Kevin Kühnert: kleinen Raum einsetzen.
01:05:25: Kevin Kühnert: Wir haben es gesehen an Elon Musk, der ohne sich einer Wahl gestellt zu haben,
01:05:28: Kevin Kühnert: nach der Wiederwahl von Donald Trump eine eigene Regierungsdirektion bekommen
01:05:34: Kevin Kühnert: hat, mit Zugang zu internen Systemen, der Kompetenz, Leute rauszuwerfen.
01:05:37: Kevin Kühnert: Wir waren ja alle live dabei.
01:05:40: Kevin Kühnert: Und ich werbe sehr dafür, das nicht nur durch so eine Ulk- und Absurditätenbrille
01:05:46: Kevin Kühnert: zu betrachten. Ich verstehe, dass das ästhetisch, wenn man sich das anguckt,
01:05:49: Kevin Kühnert: einfach zum Lachen und zum Schenkelklopfen einlädt. Einlädt.
01:05:55: Kevin Kühnert: Geht mir in manchen Momenten auch so. Aber wenn wir fertig gelacht haben,
01:05:58: Kevin Kühnert: bitte auch noch einmal die systemische Betrachtung davon.
01:06:03: Kevin Kühnert: Das ist eine, da wird ein trojanisches Pferd in unsere Demokratie reingeschoben
01:06:09: Kevin Kühnert: und die Tech Bros seilen sich jetzt gerade aus diesem trojanischen Pferd ab,
01:06:13: Kevin Kühnert: um die ganze Veranstaltung von innen kaputt zu machen.
01:06:17: Kevin Kühnert: Und sie haben Musk vorn weg ein ganz wichtiges Vehikel dafür gefunden und mit
01:06:23: Kevin Kühnert: den Kommunikationsplattformen auch das richtige Tool dafür.
01:06:27: Kevin Kühnert: Sie haben nämlich verstanden, dass für diese neoliberale Politik,
01:06:32: Kevin Kühnert: keine elitäre Agenda, die sie verfolgen, es keine gesellschaftliche Mehrheit in Wahlen gibt.
01:06:39: Kevin Kühnert: Also das so in ein Programm zu schreiben, wie sie es verfolgen.
01:06:43: Kevin Kühnert: Quasi gar keine Steuern und Abgaben für irgendwen durchregieren können,
01:06:46: Kevin Kühnert: keine Arbeitsschutzmaßnahmen, keine Gesundheitssachen und so weiter,
01:06:49: Kevin Kühnert: alles fokussieren auf so ein paar Tech-Leute und die bringen uns dann auf den
01:06:52: Kevin Kühnert: Mars und lösen alle Zivilisationsprobleme und so weiter.
01:06:56: Kevin Kühnert: Das würde keiner wählen bei einer Wahl.
01:06:58: Kevin Kühnert: So, sie müssen aber mit der Demokratie, die noch da ist, arbeiten und daher
01:07:02: Kevin Kühnert: machen sie Brot und Spiele.
01:07:04: Kevin Kühnert: Und die Plattformen, die sie betreiben, sind der Ort, wo die Spiele veranstaltet
01:07:08: Kevin Kühnert: werden und zwar im Feld der Identitätspolitik.
01:07:11: Kevin Kühnert: Also Musk, die ganzen Diskussionen, die er anfeuert und entfacht über Kindesmissbrauchsdiskussionen,
01:07:20: Kevin Kühnert: die er wiederum missbraucht in Großbritannien,
01:07:24: Kevin Kühnert: über Eugenikfragen, die er letztlich in vielen Ländern der Welt aufwirft,
01:07:30: Kevin Kühnert: das was er in Südafrika alles anfacht, Rassismus gegen Weiße in Anführungszeichen,
01:07:35: Kevin Kühnert: die ganzen Transdiskussionen, die er immer wieder mitbetreibt.
01:07:39: Kevin Kühnert: Das sind Vehikel, um gesellschaftliche Mehrheiten in diesem Kulturkampf hinter
01:07:44: Kevin Kühnert: sich zu bringen, damit Leute seinen libertären.
01:07:50: Kevin Kühnert: Tech-Herrschaftskampf unterstützen, ohne das so richtig zu checken.
01:07:56: Kevin Kühnert: Und das ist in der Natscha, glaube ich, einfach die Versuchsanordnung,
01:08:00: Kevin Kühnert: vor der wir im Moment gerade stehen.
01:08:02: Kevin Kühnert: Und jetzt kann man natürlich sagen, naja, der reichste Mann in Deutschland ist
01:08:05: Kevin Kühnert: Dieter Schwarz. Der hat knappe 50 Milliarden, das ist jetzt weit von Elon Musk entfernt.
01:08:10: Kevin Kühnert: Aber es lohnt sich hinzugucken. Auch Dieter Schwarz hat eine Tech-Klitsche in
01:08:14: Kevin Kühnert: seinem ganzen Zusammenhang gegründet.
01:08:16: Kevin Kühnert: Man kann sich angucken, was Sebastian Kurz, der gefallene Star der österreichischen
01:08:21: Kevin Kühnert: Politik gemacht hat, der hat ein KI-Unternehmen gegründet, wird jetzt mit über
01:08:24: Kevin Kühnert: drei Milliarden bewertet.
01:08:26: Kevin Kühnert: Was macht das KI-Unternehmen, stellt Sicherheitssoftware für Regierungen bereit?
01:08:31: Kevin Kühnert: Es ist ein Full-Circle-Geschäftsmodell, was dort entsteht und wir sollten jetzt
01:08:35: Kevin Kühnert: nicht mehr zu lange brauchen, um zu verstehen, was da gar nicht mehr unter,
01:08:39: Kevin Kühnert: sondern eigentlich schon oberhalb der Wasseroberfläche an Entwicklung passiert.
01:08:43: Thomas Mühlnickel: Und die Populisten und die Extremen nutzen sie ein Stück weit aus als ihr Instrument
01:08:48: Thomas Mühlnickel: im politischen Raum zum Spalten, zum Killen der normalen Mehrheiten bislang?
01:08:55: Kevin Kühnert: Ja, die sind nützliche Instrumente dafür.
01:08:59: Kevin Kühnert: Also wenn wir jetzt in Deutschland bleiben und die AfD als die politische Formation
01:09:04: Kevin Kühnert: dafür heranziehen, dann fällt ja schnell auf, dass die ideologisch gar nicht konsistent sind.
01:09:09: Kevin Kühnert: Müssen sie auch nicht sein. Da lernt man auch viel über die Emotionalität von
01:09:15: Kevin Kühnert: rechten Populismus in der heutigen Zeit.
01:09:16: Kevin Kühnert: Es geht weniger darum, dass das ein klares inhaltliches Schema ist.
01:09:21: Kevin Kühnert: Du kannst in der AfD sein und lieber Tera Maske jünger und du kannst Putin jünger
01:09:26: Kevin Kühnert: sein und das geht trotzdem zusammen. Warum?
01:09:29: Kevin Kühnert: Weil das Band, was alle zusammenhält, ja die Feindschaft gegen das Äußere ist,
01:09:34: Kevin Kühnert: gegen das Etablierte, die etablierten Parteien, die etablierten Medien,
01:09:38: Kevin Kühnert: die öffentliche Ordnung, wie sie sich über Jahrzehnte entwickelt und dargestellt hat.
01:09:43: Kevin Kühnert: Es ist eine Emotionsgemeinschaft der negativen Emotionen gegen all diese Gruppen
01:09:49: Kevin Kühnert: und der Widerspruch von außen wird ja nur doppelt und dreifach zurückgegeben
01:09:54: Kevin Kühnert: als Gruppenzugehörigkeitsgefühl.
01:09:57: Kevin Kühnert: Und das ist die größte Herausforderung im politischen Campaigning,
01:10:01: Kevin Kühnert: in der Kommunikation, weil du kriegst das im Moment nicht weg.
01:10:05: Kevin Kühnert: Das ist aufgebrochen. Das sehen wir auch in vielen Umfragen.
01:10:09: Kevin Kühnert: Die meisten Leute, die jetzt AfD-Wähler sind, sind von ihrer Beziehungsstruktur
01:10:16: Kevin Kühnert: zu dieser Partei eher mit Fans zu vergleichen.
01:10:19: Kevin Kühnert: Also andere Parteien haben Wähler und Wähler ist schon emotional unterhalb von
01:10:23: Kevin Kühnert: Stammwählern, was man früher hatte, aber die AfD hat Fans.
01:10:27: Kevin Kühnert: Und auf sie einzureden und ihnen zu erklären, dass das für ihr Leben nachteilig
01:10:30: Kevin Kühnert: ist, was da im Programm steht und dass eine andere Partei etwas besser kann
01:10:33: Kevin Kühnert: und Handwerk und so weiter,
01:10:35: Kevin Kühnert: das ist wie auf einen Schalke-Fan einzureden und zu sagen, Entschuldigung,
01:10:39: Kevin Kühnert: aber im statistischen Durchschnitt der letzten zehn Jahre hat Borussia Dortmund
01:10:42: Kevin Kühnert: besser fußballerisch abgeschnitten.
01:10:45: Kevin Kühnert: Du kannst nicht erwarten, dass darauf eine Zustimmung zurückkommt und die Dauerkarte
01:10:51: Kevin Kühnert: auf Schalke gegen eine Dauerkarte im Westfalenstadion eingetauscht wird.
01:10:54: Kevin Kühnert: Das wird nicht passieren.
01:10:56: Kevin Kühnert: Und ich glaube, das muss für den Moment jetzt leider einfach erstmal akzeptiert
01:11:00: Kevin Kühnert: und angenommen werden. Ich habe eben gesagt, auf jeden Weibschiff in die eine
01:11:04: Kevin Kühnert: Richtung kommt auch irgendwann ein anderer. Das ist nicht in Stein gemeißelt.
01:11:06: Kevin Kühnert: Das wird Bedingungen geben, unter denen sich das auch wieder ändert.
01:11:10: Kevin Kühnert: Aber im Moment kreisen alle um die jeweilige Rechtspartei in einem Land und
01:11:15: Kevin Kühnert: versuchen ihren Standpunkt und ihr Programm.
01:11:19: Kevin Kühnert: Zu erhöhen, indem sie sagen, wenn wir unseres machen würden,
01:11:22: Kevin Kühnert: dann würden die kleiner werden, halbiert werden, wieder zurückkommen.
01:11:26: Kevin Kühnert: Dafür gibt es keine Evidenz, muss man einfach ganz klar sagen. Es gibt keine Reaktion.
01:11:31: Kevin Kühnert: Es gibt quasi eine Reaktionsbrandmauer zwischen AfD-Wählern und dem Mehrheitslager.
01:11:36: Kevin Kühnert: Du kannst machen, du kannst tanzen, wie du willst.
01:11:40: Kevin Kühnert: Es wird erstmal jetzt kein Interesse zurückkommen. Es ist hart,
01:11:43: Kevin Kühnert: aber muss man mit einbeziehen.
01:11:45: Thomas Mühlnickel: Aber haben wir denn diese Entwicklung, dass...
01:11:48: Thomas Mühlnickel: Tech-Bros, Leute wie Putin und so weiter, eigentlich diese Rechten wie nützliche
01:11:54: Thomas Mühlnickel: Idioten, wie Marionetten für sich benutzen,
01:11:57: Thomas Mühlnickel: mit ihren eigentlichen Zielen dahinter, haben wir das zu lange nicht verstanden,
01:12:02: Thomas Mühlnickel: ignoriert, nicht sehen wollen,
01:12:06: Thomas Mühlnickel: was ist uns da passiert?
01:12:07: Thomas Mühlnickel: Weil sehr lange gab es ja diese Debatte, Brexit, Trump, in Deutschland kam die
01:12:11: Thomas Mühlnickel: AfD hoch. Da wurde immer sehr auf dieses Kernproblem gestartet.
01:12:14: Thomas Mühlnickel: Es ist groß genug und schlimm genug.
01:12:17: Thomas Mühlnickel: Und darüber steht scheinbar noch viel mehr, was sich auch in der Wahrnehmung
01:12:21: Thomas Mühlnickel: in der Öffentlichkeit auch erst in den letzten zwei Jahren so langsam Bahn gebrochen
01:12:24: Thomas Mühlnickel: hat, was da eigentlich alles auf den Zug kommen könnte, wo die AfD ja nicht nur Anfang von ist.
01:12:29: Thomas Mühlnickel: Too late?
01:12:30: Kevin Kühnert: Ja. Und da bin ich auch selber noch nicht am Ende.
01:12:34: Kevin Kühnert: Also, weil man soll ja nicht immer nur über die anderen reden,
01:12:37: Kevin Kühnert: sondern das muss man ja für sich selbst auch reflektieren.
01:12:39: Kevin Kühnert: Und ich komme bis heute persönlich nicht darüber hinweg, wenn ich auf meine,
01:12:46: Kevin Kühnert: politische Blindheit, was die ganzen Russland-Entwicklungen angeht, vor dem 24.
01:12:52: Kevin Kühnert: Februar 2022 zurückblicke.
01:12:55: Kevin Kühnert: Und ich habe nie, im Gegensatz zu manchen vielleicht auch Älteren in der SPD,
01:13:00: Kevin Kühnert: ich habe nie irgendeinen emotionalen Bezug dahin gehabt. Ich habe das auch nie
01:13:03: Kevin Kühnert: glorifiziert oder darin irgendwas Höheres gesehen.
01:13:08: Kevin Kühnert: Also es ist mir immer kulturell sehr fremd gewesen, auch diese ganze politische Kultur da.
01:13:13: Kevin Kühnert: Aber als wacher, interessierter politischer Mensch, ich kann mir im Nachhinein
01:13:17: Kevin Kühnert: überhaupt nicht erklären, warum mich die ganze Entwicklung in der Ostukraine
01:13:21: Kevin Kühnert: mit den Annexionen seit 2014, warum mich das acht Jahre lang,
01:13:25: Kevin Kühnert: einfach gar nicht beschäftigt hat. Großartig.
01:13:29: Kevin Kühnert: Ja, das ist so, ja, man wusste, das ist irgendwie da, aber hat man so weggeschulterzuckt quasi.
01:13:35: Thomas Mühlnickel: Die trugen ja keine russischen Flaggen, die Panzer.
01:13:37: Kevin Kühnert: Ja, das wären jetzt Argumente, die hätte ich auch zu der damaligen Zeit gar
01:13:41: Kevin Kühnert: nicht verwendet. Es wirkte wie auf einem anderen Planeten.
01:13:46: Kevin Kühnert: Und das macht mich schon sehr nachdenklich, dass ich das einfach aus meiner
01:13:50: Kevin Kühnert: Weltwahrnehmung über mehrere Jahre so ausblenden konnte, weil es ja erfordert,
01:13:56: Kevin Kühnert: das einzublenden hätte ja bedeutet, Konsequenzen daraus ziehen zu müssen,
01:14:00: Kevin Kühnert: sich mit der Frage zu beschäftigen, wer so etwas dort zwei Stunden mit dem Flugzeug
01:14:04: Kevin Kühnert: von uns entfernt macht, was macht der denn gegebenenfalls noch alles?
01:14:08: Kevin Kühnert: Und da muss man einfach sagen, da gab es ein paar Leute, die sich ans Revier
01:14:12: Kevin Kühnert: heften können, dass sie diese Fragen sehr frühzeitig gestellt haben,
01:14:15: Kevin Kühnert: aber sie haben keinen Resonanzraum dafür gefunden. Und ja, das zeigt schon, dass wir uns...
01:14:21: Kevin Kühnert: Solange es halbwegs läuft, richten wir es uns immer ganz gerne in so einer Gemütlichkeit
01:14:25: Kevin Kühnert: in Deutschland ein. Sehen wir in.
01:14:29: Kevin Kühnert: Den Wirtschaftsdaten, gibt es ja immer viel historische Deuterei,
01:14:32: Kevin Kühnert: woran nach den Agenda-Reformen es sozusagen gehangen hat. Ich finde,
01:14:38: Kevin Kühnert: man muss eine Zahl nur dazu kennen.
01:14:40: Kevin Kühnert: Die deutschen China-Exporte sind von 2000 bis 2020 von 9 auf 90 Milliarden im
01:14:46: Kevin Kühnert: Jahr hochgegangen. Eine Verzehnfachung.
01:14:48: Kevin Kühnert: Das ist der maßgebliche Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung auch über die
01:14:51: Kevin Kühnert: ganzen Amtsjahre von Merkel hinweg gewesen.
01:14:54: Kevin Kühnert: Dann war der Peak erreicht. Jetzt sind wir, glaube ich, fallen jetzt gerade
01:14:57: Kevin Kühnert: unter 80 Milliarden im Jahr.
01:14:58: Kevin Kühnert: Das heißt, die Kurve hat ihren Scheitel erreicht und geht jetzt runter und es
01:15:03: Kevin Kühnert: gibt noch nichts, was das sozusagen ersetzt.
01:15:06: Kevin Kühnert: Von der Leyen hat kürzlich vorgerechnet, die Europäische Union hat ein Handelsdefizit
01:15:10: Kevin Kühnert: mit China täglich von einer Milliarde Euro.
01:15:14: Kevin Kühnert: Das ist einfach unglaublich. Und das sind Sachen, die hätten wir auch vor ein
01:15:20: Kevin Kühnert: paar Jahren schon diskutieren können, da waren die Zahlen auch schon da.
01:15:24: Kevin Kühnert: Aber da lief der Motor noch halbwegs und dann haben wir es uns damit auch ganz
01:15:30: Kevin Kühnert: gut bequem gemacht. Und das macht mich sehr nachdenklich, weil diese Kritik
01:15:34: Kevin Kühnert: eben auch eine ist, die ich dann auf mich selber beziehen muss.
01:15:37: Thomas Mühlnickel: Und hast du für dich Ideen, was jeder Einzelne von uns, ob wir nun Mandat haben,
01:15:44: Thomas Mühlnickel: ob wir herausgehobene Positionen haben, ob wir Podcasts haben oder eben auch nicht,
01:15:49: Thomas Mühlnickel: was wir tun können gegen diese Entwicklung
01:15:52: Thomas Mühlnickel: jeweils oder für eine bessere Entwicklung oder gegen etwas sein?
01:15:59: Kevin Kühnert: Ich denke, wenn das stimmt, dass wir diese zwei Lagerbildungen zunehmend in
01:16:05: Kevin Kühnert: der Gesellschaft haben, und zwar anhand der Kulturlinien leider,
01:16:11: Kevin Kühnert: dass es darauf ankommt, dass alle versuchen, wenigstens im Alltag auch die Graubereiche
01:16:17: Kevin Kühnert: dazwischen noch zu ermöglichen.
01:16:21: Kevin Kühnert: Also das Gespräch nicht abreißen zu lassen zu Leuten, die einen gewissen anderen
01:16:26: Kevin Kühnert: Standpunkt haben, auch über das Trennende oder die unterschiedlichen Einschätzungen zu reden.
01:16:34: Kevin Kühnert: Wir haben so eine Dynamik in
01:16:35: Kevin Kühnert: der Debatte in Deutschland auch durch manche Medienformate geprägt, wo...
01:16:41: Kevin Kühnert: Die Ableitung aus dem, was ich gerade gesagt habe, dann oft ist,
01:16:44: Kevin Kühnert: dann lassen wir zwei ganz extreme Positionen miteinander reden.
01:16:47: Kevin Kühnert: Das ist ausdrücklich nicht das, was ich meine.
01:16:51: Kevin Kühnert: Wir kennen alle diese YouTube-Videos, die dann mit schrillen Buchstaben angekündigt
01:16:54: Kevin Kühnert: werden, radikale Veganerin diskutiert mit Bodybuilder oder so.
01:16:58: Kevin Kühnert: Und dann kannst du dir so ein 30-minütiges Gekeife angucken und es ist mehr,
01:17:03: Kevin Kühnert: Schlammcatchen, als dass du irgendwas gelernt hättest über Debatte dabei.
01:17:07: Kevin Kühnert: Mir geht es eher um das, was in unseren Nachbarschaften ist oder das bei Familienfeiern
01:17:13: Kevin Kühnert: oder nach dem Fußballtraining in der Kabine nicht jedem potenziell streitbehafteten
01:17:19: Kevin Kühnert: Thema aus dem Weg gegangen wird, sondern,
01:17:22: Kevin Kühnert: dass wir mal den Selbstversuch machen.
01:17:25: Kevin Kühnert: Auch die Toleranz ist auszuhalten, dass jemand mal einen anderen Standpunkt
01:17:30: Kevin Kühnert: darlegt und dass ich nicht sofort reflexhafter darauf reagiere,
01:17:33: Kevin Kühnert: sondern Empathie erstmal versuche nachzuvollziehen,
01:17:38: Kevin Kühnert: von welcher Perspektive aus diese Person dahin gekommen ist.
01:17:42: Kevin Kühnert: Ich halte das wirklich für einen Selbstversuch mittlerweile, sich einzugestehen,
01:17:48: Kevin Kühnert: dass man das schwer aushalten kann und dass man gewisse Schablonen hat,
01:17:52: Kevin Kühnert: mit denen man Einwürfe von einer anderen Seite zurückweist.
01:17:57: Kevin Kühnert: Und ich versuche daran, für mich selber auch zu arbeiten und mir solche Räume zu schaffen.
01:18:02: Thomas Mühlnickel: Wir wissen doch eigentlich aus dem Leben, dass wir einfach nicht immer recht
01:18:07: Thomas Mühlnickel: haben, dass wir uns irren, dass wir Dinge nicht sehen, dass wir Dinge falsch
01:18:11: Thomas Mühlnickel: interpretieren und irgendwann eingestehen müssen, da habe ich halt nicht recht
01:18:15: Thomas Mühlnickel: gehabt. Das passiert doch jedem von uns mal.
01:18:17: Thomas Mühlnickel: Das gestehen wir uns aber im Gespräch nicht mehr zu und gehen schon weiter.
01:18:20: Thomas Mühlnickel: Ins Gespräch mit Leuten, die anders da stehen und sagen, er darf einfach nicht
01:18:24: Thomas Mühlnickel: recht haben, ich muss meine Meinung durchziehen, statt die Offenheit,
01:18:27: Thomas Mühlnickel: wie ich es gerade von dir verstehe, zu haben und sagen, kann sein,
01:18:29: Thomas Mühlnickel: dass ich es nicht recht habe.
01:18:30: Kevin Kühnert: Ja, und im zweiten Schritt werden wir dann auch, denke ich, überlegen müssen,
01:18:35: Kevin Kühnert: was heißt denn das für unsere Demokratie eigentlich strukturell?
01:18:38: Kevin Kühnert: Also wenn die Zeit der großen Gewissheiten vorbei ist und das auch nicht mehr
01:18:43: Kevin Kühnert: bestimmte politische Lager übernehmen, dass alles in so ein großes,
01:18:47: Kevin Kühnert: Ideologiegebilde eingewoben wird und dann wird das so weggemanagt im politischen
01:18:52: Kevin Kühnert: Alltagshandeln, sondern wir debattieren und entscheiden viel einzelfallbezogene
01:18:56: Kevin Kühnert: über Sachverhalte, die jetzt aufkommen.
01:18:58: Kevin Kühnert: Und ich finde das, man kann ganz entspannt sagen, lass uns doch mal drüber nachdenken,
01:19:03: Kevin Kühnert: ob die Formate, in denen wir Politik organisieren, dazu noch passen.
01:19:06: Kevin Kühnert: Auch hier wieder immer der selbstkritische Blick. Ich bin immer,
01:19:10: Kevin Kühnert: glaube ich, auch mit guten Argumenten sehr skeptisch gegenüber direktdemokratischen,
01:19:14: Kevin Kühnert: Elementen gewesen, weil wir zum Beispiel in Deutschland sehen,
01:19:16: Kevin Kühnert: dort wo es kommunal oder in Bundesländern passiert ist.
01:19:20: Kevin Kühnert: War für mich der entscheidende Punkt immer, dass es eine niedrigere Teilnahmequote
01:19:24: Kevin Kühnert: gegeben hat als bei regulären Wahlen.
01:19:25: Kevin Kühnert: Das heißt, man konnte begründen, dass es einen elitären Charakter hat und man
01:19:30: Kevin Kühnert: weiß ja dann in etwa, welche Gruppen eher zu Hause bleiben und damit auch welche
01:19:33: Kevin Kühnert: Perspektiven in diesen Abstimmungen gefehlt haben.
01:19:37: Kevin Kühnert: Ich muss aber anerkennen, dass in der repräsentativen Demokratie viele,
01:19:43: Kevin Kühnert: gerade bei den großen, komplexen, globalen Fragen, den Eindruck haben,
01:19:47: Kevin Kühnert: diese mittelbare Einflussnahme, ich gehe zur Wahl, ich wäre eine Person und
01:19:51: Kevin Kühnert: oder Partei, die kommt dann in ein Parlament.
01:19:53: Kevin Kühnert: Da muss die teilweise mittlerweile eine Koalition mit vier anderen bilden.
01:19:58: Kevin Kühnert: Die müssen dann noch irgendwas mit anderen Bundesländern und der Bund dann was
01:20:01: Kevin Kühnert: mit den anderen europäischen Staaten und die dann in der G7 oder der OECD durchsetzen.
01:20:07: Kevin Kühnert: Irgendwo zwischen diesen ganzen Ebenen das Selbstwirksamkeitsgefühl,
01:20:10: Kevin Kühnert: vorsichtig gesagt, abhandengekommen ist.
01:20:13: Kevin Kühnert: Und wenn wir nicht wollen, dass sich das so verdichtet, dass irgendwann der
01:20:15: Kevin Kühnert: Eindruck entsteht, ja, dann brauchen wir wohl ein anderes System als eines,
01:20:19: Kevin Kühnert: in dem ein Mensch eine Stimme gilt, muss man ja mal gucken, was innerhalb dieses Systems gehen kann.
01:20:25: Kevin Kühnert: Und ich finde es nicht unplausibel, sich zu fragen, ob dieses unmittelbare Wirksamkeitsgefühl
01:20:32: Kevin Kühnert: durch eine direkte Abstimmung über einen bestimmten Sachverhalt,
01:20:36: Kevin Kühnert: Das ist dann aber auch die Bedingung, dass es wirklich ein abgrenzbarer Sachverhalt ist.
01:20:40: Kevin Kühnert: Ob das an manchen Stellen nicht dadurch aufgehoben werden kann und ob das nicht
01:20:45: Kevin Kühnert: dann auch zu einer höheren Motivation beitragen kann, sich auch wirklich daran selbst zu beteiligen.
01:20:51: Kevin Kühnert: Da denke ich heute offener drüber nach und finde, das ist auch nur vernünftig,
01:20:57: Kevin Kühnert: das mal zu reflektieren und sich Beispiele in anderen Ländern anzuschauen.
01:21:00: Thomas Mühlnickel: Man muss es manchmal auch akzeptieren. Also ich bin großer Olympia-Fan.
01:21:04: Thomas Mühlnickel: Wie gesagt, lebe ich in Hamburg.
01:21:06: Thomas Mühlnickel: Man hat sich in Hamburg relativ knapp, aber Mehrheit ist Mehrheit, dagegen entschieden.
01:21:10: Thomas Mühlnickel: Und ich war auch einen Tag lang sehr stinkig auf all meine Mitbürger in Hamburg,
01:21:14: Thomas Mühlnickel: die dagegen gestimmt haben.
01:21:15: Thomas Mühlnickel: Aber es ist trotzdem total richtig und total fair, die Leute gefragt zu haben
01:21:20: Thomas Mühlnickel: und nicht einfach durchzuziehen und sagen, wir wollen das jetzt.
01:21:22: Thomas Mühlnickel: Und wenn die Mehrheit der Leute, die hingehen, sagt, wir wollen das nicht, dann ist das so.
01:21:28: Kevin Kühnert: Absolut.
01:21:28: Thomas Mühlnickel: Gut, zwei Fragen habe ich noch. Was macht dir Mut?
01:21:36: Kevin Kühnert: Wenn, machen mir Menschen Mut.
01:21:42: Kevin Kühnert: Und Menschen, die,
01:21:46: Kevin Kühnert: eine gewisse Angstfreiheit ausstrahlen und eine Unabhängigkeit ausstrahlen.
01:21:53: Kevin Kühnert: Hin und wieder begegnet man denen im Alltag, es müssen ja gar keine Prominenten sein und die,
01:21:59: Kevin Kühnert: tanken mich dann auf.
01:22:02: Thomas Mühlnickel: Apropos auftanken, unsere Zeitmaschine ist ausgetankt, wir fliegen ins Jahr
01:22:06: Thomas Mühlnickel: 2050 ans Brandenburger Tor.
01:22:10: Thomas Mühlnickel: Steigen wieder aus. Was für ein Land sehen wir?
01:22:19: Kevin Kühnert: Also wenn ich 24 Jahre vorausdenke, ist die größte Frage, die ich mir stelle,
01:22:25: Kevin Kühnert: und damit die größte Hoffnung, die ich an eine Gesellschaft, an ein Land dann habe,
01:22:31: Kevin Kühnert: dass wir noch Spuren von Kultur und Menschen wiederfinden.
01:22:38: Kevin Kühnert: Denn ich finde wirklich das größte Dilemma jetzt im Moment, gerade bei dieser
01:22:42: Kevin Kühnert: kaputten öffentlichen Diskussionskultur, bei der wir über lauter Quatsch hoch
01:22:46: Kevin Kühnert: emotional reden, ist, dass wir gar nicht verhandeln gesellschaftlich über die größte,
01:22:54: Kevin Kühnert: Veränderung, die auf den Menschen seit Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten einwirkt.
01:22:58: Kevin Kühnert: Nämlich das, was im Bereich der künstlichen Intelligenz im Moment gerade passiert,
01:23:03: Kevin Kühnert: passieren Entwicklungen der Entwertung von Kultur, von menschlichem Miteinander,
01:23:08: Kevin Kühnert: von der Frage, was ist es eigentlich wert, dass ein Mensch höchstpersönlich
01:23:12: Kevin Kühnert: einen Gedanken gefasst, ihn aufgeschrieben, ein Musikstück
01:23:15: Kevin Kühnert: komponiert, ein Bild gemalt hat, das geht so an die Grundfesten dessen ran,
01:23:20: Kevin Kühnert: was uns eigentlich ausmacht und was unser Selbstverständnis als Gesellschaft ist.
01:23:24: Kevin Kühnert: Und ohne, dass ich das abschließend alles beantworten könnte,
01:23:26: Kevin Kühnert: aber ich möchte in 25 Jahren noch an einem Ort leben, an dem,
01:23:33: Kevin Kühnert: erkennbar ist, dass echte Menschen mit echten Emotionen echte Spuren hinterlassen
01:23:37: Kevin Kühnert: haben, mit denen ich mich auseinandersetzen kann.
01:23:40: Kevin Kühnert: Und nicht nur, dass eine KI-gesteuerte, funktionale Nützlichkeitswelt entstanden ist.
01:23:47: Thomas Mühlnickel: Kevin, wir hätten noch eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb weitermachen können.
01:23:50: Kevin Kühnert: Definitiv.
01:23:51: Thomas Mühlnickel: Aber alles hat ein Ende, auch dieser Podcast. Wir machen vielleicht irgendwann
01:23:54: Thomas Mühlnickel: anders mal weiter. Gerne. Vielen Dank, dass du gekommen bist. Danke dir.
01:23:58: Kevin Kühnert: Danke für die Einladung.
01:23:59: Thomas Mühlnickel: Das war damit die Guten Gewinn, der Interview-Podcast von ASK.
01:24:03: Thomas Mühlnickel: Wenn dir die Folge gefallen hat, abonniere den Podcast und teile ihn mit Menschen,
01:24:07: Thomas Mühlnickel: die sich ebenfalls für das Gute interessieren.
01:24:10: Thomas Mühlnickel: Hast du Feedback, Fragen oder Themenwünsche, dann melde dich gerne bei uns.
01:24:13: Thomas Mühlnickel: Alle Infos und Kontaktmöglichkeiten findest du in den Shownotes.
01:24:17: Thomas Mühlnickel: Danke fürs Einschalten. Bis bald, damit die Guten gewinnen.
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